Schäuble: Wir schaffen die Grundlage für eine fröhliche, bunte und sichere WM

Donnerstag, 30. März 2006

Rede von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble bei der abschließenden Sicherheitstagung zur FIFA WM 2006 am 30. März 2006 in Berlin.

Heute stehen wir 71 Tage vor dem Anpfiff zum Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Wir freuen uns schon auf die vielen Gäste aus aller Welt, die in diesem Sommer zu uns nach Deutschland kommen werden. Bei diesem einzigartigen Fest des Fußballs und der Freundschaft werden sie ab dem 9. Juni vier Wochen lang erstklassige Spiele, viele Tore, leidenschaftliche Duelle und eine mitreißende Stimmung erleben.
 
Deutschland ist ein fußballbegeistertes und ein weltoffenes Land. Unter dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" werden wir uns als fröhliche und aufgeschlossene Nation präsentieren und allen teilnehmenden Mannschaften wie ihren Fans herzliche Gastgeber sein.
 
Unsere Gäste sollen sich wohl fühlen in unserem Land. Und so müssen wir die Voraussetzungen dafür schaffen, dass alle Menschen, die dabei sein wollen, das Fußball-Fest unbeschwert und sorglos erleben und genießen.
 
Natürlich ist die Fußball-Weltmeisterschaft eine besondere Herausforderung für alle deutschen Sicherheitsbehörden. Denn die Gewährleistung der Sicherheit ist eine unabdingbare Voraussetzung für ein Sportfest dieser Größe. Die Tragödie während der Olympischen Spiele von 1972 hat uns auf erschütternde Weise gezeigt, dass heitere und weltumspannende Veranstaltungen auch ins Blickfeld des internationalen Terrorismus geraten können.
 
Ich kann Ihnen versichern, dass wir alles Menschenmögliche tun werden, um die notwendige Sicherheit während der Fußball-Weltmeisterschaft zu garantieren. Die friedlichen Olympischen Spiele 2004 in Athen, die Fußball-Europameisterschaft in Portugal wie zuletzt auch die Olympischen Winterspiele in Turin haben uns gezeigt, dass es sehr wohl möglich ist, auch große und internationale Sportveranstaltungen ebenso bunt und fröhlich wie geschützt und sicher zu gestalten.
 
Wir alle wollen sichere Spiele. Was wir allerdings nicht wollen, ist eine Sicherheitsweltmeisterschaft. Der frühere finnische Staatspräsident Kekkonen hat einmal gesagt: "Sicherheit erreicht man nicht, indem man Zäune errichtet. Sicherheit gewinnt man, indem man Tore öffnet." Deutschland öffnet seine Tore und lädt die Welt zu sich nach Hause ein. Nur ein Tor, nämlich das hinter dem deutschen Torwart, würde ich gern weitgehend geschlossen halten. Doch da ist mein Einfluss leider beschränkt.
 
Durch unsere umfassenden Sicherheitsvorbereitungen errichten wir keine Zäune, sondern schaffen die Grundlage für eine fröhliche, bunte und sichere WM. Der Sport, die Spiele und das Vergnügen sind der Sinn der ganzen Veranstaltung. Für diesen Sinn und Zweck aber sind unsere Sicherheitsstrukturen das unerlässliche Fundament. Nur mit einem ausgefeilten und wirkungsvollen Sicherheitskonzept ist es uns möglich, unser Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" auch tatsächlich mit Leben zu füllen.
 
Wir erwarten zur WM über drei Millionen Gäste, davon mehr als eine Million aus dem Ausland. Diese Zahlen zeigen uns, dass sich die Weltmeisterschaft keineswegs nur auf die 12 Austragungsorte in neun Bundesländern beschränkt. Sie betrifft unser ganzes Land und hat zudem auch organisatorisch zahllose internationale Bezüge.
 
Nur die intensive Zusammenarbeit der verschiedensten Institutionen und Organisationen macht die FIFA WM 2006 in Deutschland überhaupt erst möglich. Gestatten Sie mir deshalb schon jetzt einige Worte des Dankes. Seit der Phase der Bewerbung um die Ausrichtung, also nun schon seit acht Jahren, arbeitet die Bundesregierung ausgezeichnet mit dem Deutschen Fußball-Bund und dem von Ihnen, sehr geehrter Herr Beckenbauer, hervorragend geleiteten WM-Organisationskomitee zusammen.
 
Natürlich spielen Fragen der Sicherheit auch in den von uns gegenüber der FIFA abgegebenen Regierungsgarantien eine zentrale Rolle. Und auch hier arbeiten Bund und Länder eng mit dem Deutschen Fußball-Bund und dem WM-Organisationskomitee zusammen. Als gute Mannschaftsspieler liegen wir voll im Zeitplan.
 
In den vergangenen Jahren hat Deutschland bereits mehrere internationale Sicherheitskonferenzen durchgeführt. Sie alle dienten der Abstimmung internationaler Sicherheitsmaßnahmen für die Fußball-WM 2006. Die intensive Zusammenarbeit mit unseren internationalen Partnern hat entscheidend dazu beigetragen, dass wir mit unseren Sicherheitsvorbereitungen inzwischen sehr weit fortgeschritten sind. Viele von Ihnen waren persönlich an diesen Vorarbeiten beteiligt. Dafür danke ich Ihnen.
 
Im Mai letzten Jahres haben Bund und Länder ein Nationales Sicherheitskonzept für die Fußball-Weltmeisterschaft verabschiedet. Dieses flexibel angelegte Konzept umfasst einerseits alle Sicherheitsmaßnahmen von staatlicher Seite, andererseits aber auch die sicherheitsrelevanten Aktivitäten des Veranstalters FIFA und des Ausrichters DFB.
 
Der Confederations Cup im vergangenen Jahr war auch unter Sicherheitsaspekten ein voller Erfolg. Wir haben dieses Turnier genutzt, um die Tragfähigkeit unseres Sicherheitskonzepts zu überprüfen. Eine Evaluation hat bestätigt, dass wir bereits im Sommer 2005 sicherheitspolitisch gut auf die WM vorbereitet waren.
 
Und natürlich haben wir die Evaluation genutzt, um das Nationale Sicherheitskonzept fortzuschreiben und weiterzuentwickeln. Es berücksichtigt nun verstärkt mögliche Gefahren, die von Hooligans und Public Viewings ausgehen könnten. Gerade das relativ neue Phänomen des Public Viewings als einer Veranstaltungsform, die öffentlich ist und ganz Deutschland betrifft, steht unter unserer besonderen Beobachtung.
 
Die WM stellt an alle Beteiligten besondere Anforderungen. Für die Beamtinnen und Beamten der Polizeien des Bundes und der Länder, aber auch für die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer der Katastrophenschutzbehörden und der Rettungsdienste wird es in den nächsten Monaten zweifelsohne zu hohen Belastungen kommen. In den vielen Gesprächen, die ich in den letzten Monaten führen konnte, war aber deutlich zu spüren, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der verschiedenen Sicherheitsbehörden sehr auf ihren Einsatz freuen und ihn als etwas Besonderes empfinden.
 
Die Polizistinnen und Polizisten werden logistisch unterstützt von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Die Bundeswehr stellt Unterkünfte und Rettungsstationen zur Verfügung, und sie hilft auch bei der Verpflegung aus. Wir werden auch Hilfe von der NATO erhalten. Der Einsatz von AWACS--Flugzeugen wird es uns ermöglichen, den Luftraum lückenlos zu überwachen.
 
Die Gewährleistung der Sicherheit bei einer Fußball-WM ist eine Aufgabe, die viele nationale und internationale Partner erfordert. Wir sind zwingend auf eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit angewiesen, um effizient und erfolgreich zu sein.
 
Das Bundesinnenministerium koordiniert die erforderlichen Sicherheitsvorbereitungen auf internationaler Ebene. In den letzten Monaten haben wir nach intensiven Verhandlungen mit allen Teilnehmerstaaten sowie mehreren Anrainer- und Transitstaaten zahlreiche bilaterale Absprachen getroffen. Unser Ziel ist es, Gefahren bereits im Vorfeld der WM zu erkennen und rechtzeitig zu bannen. Dabei haben wir ein besonderes Augenmerk auf Gefährdungen durch gewalttätige Hooligans, auf mögliche terroristische Bedrohungen und auf die Organisierte Kriminalität.
 
Wir wollen einen Gefahrenfilter schaffen, der bereits jenseits unserer Landesgrenzen greift: in den Teilnehmerländern, den Transitstaaten und bei unseren unmittelbaren Nachbarn. Die bilateralen Absprachen sind die Grundlage für Reiseverbote gegenüber Hooligans und potentiellen Straftätern. Sie ermöglichen uns einen intensiven Informationsaustausch, und sie versetzen uns in die Lage, Sicherheitskräfte der Partnerstaaten in Deutschland einzusetzen.
 
Ich möchte mich schon jetzt herzlich bei Ihnen allen für die sehr gute Kooperation und Ihre wertvolle Unterstützung bedanken. Und all diejenigen, die nach Deutschland kommen wollen, um die Weltmeisterschaft zu stören, sollten in ihrem eigenen Interesse besser zu Hause bleiben. Denn die dem Sport verbundene Weltgemeinschaft wird keine Störungen dulden.
 
Ich habe Sie für heute und morgen nach Berlin eingeladen, um die internationalen Verhandlungen im Bereich der Sicherheitsvorbereitungen zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Auch können Sie sich ein eigenes Bild über unsere Sicherheitsvorbereitungen machen.
 
Es darf allerdings nicht der falsche Eindruck entstehen, dass mit Abschluss dieser Sicherheitstagung alles getan ist. Die Gewährleistung der Sicherheit bei einem Sportereignis dieser Größe erfordert Wachsamkeit, Lernbereitschaft und Anstrengungen bis zum Schluss. Wir müssen unsere Maßnahmen laufend aktualisieren, damit wir gezielt und zeitnah auf neue sicherheitsrelevante Entwicklungen reagieren können. Erst wenn alle Mannschaften, Fans und Gäste wieder in Ihre Heimat zurückgekehrt sind, können wir unsere Aufgabe als abgeschlossen betrachten.
 
Es ist uns besonders wichtig, dass der Wissenstransfer funktioniert und wir von den Erfahrungen anderer Länder bei Sportgroßveranstaltungen profitieren. Wir haben uns im Vorfeld mit den Sicherheitsstrategien anderer Länder und Veranstalter bei vergleichbaren Anlässen vertraut gemacht und uns bemüht, daraus unsere Lehren zu ziehen.
 
Während der Fußball-Weltmeisterschaft wird das Bundesinnenministerium ein Nationales Informations- und Kooperationszentrum betreiben. So werden alle sicherheitsrelevanten Informationen aller beteiligten Behörden und Organisationen rund um die Uhr an einem Punkt auf nationaler Ebene zusammengeführt. Dadurch gewinnen wir ein ausgezeichnetes Mittel für die Sammlung und Steuerung von Informationen. Und auch die Erstellung eines Nationalen Lagebildes wird deutlich beschleunigt und erheblich erleichtert. Seine Feuertaufe hat das NICC schon beim Confederations Cups 2005 sehr gut bestanden.
 
Wir befinden uns mit unseren Vorbereitungen auf die WM mittlerweile auf der Zielgeraden. Nach dem Schlusspfiff in einem hoffentlich spannenden Finale am 9. Juli hier in Berlin hat die Welt einen neuen Fußballmeister. Wer das aber sein wird, vermag selbst der für die Sicherheit zuständige Bundesminister nicht mit absoluter Sicherheit zu sagen.
 
Anschließend werden wir den Ball Südafrika zuspielen, dem Ausrichter der FIFA WM 2010. Schon jetzt arbeiten Deutschland und Südafrika in dieser Sache eng und konstruktiv zusammen.
 
Doch zunächst einmal heiße ich Sie in der WM-Stadt Berlin recht herzlich willkommen und wünsche uns allen eine an Erkenntnissen und Ergebnissen reiche Konferenz. Unser zweitägiger Austausch trägt maßgeblich dazu bei, dass wir in gut zwei Monaten eine ebenso fröhliche wie sichere Fußball-Weltmeisterschaft 2006 erleben können.
 
Sehr geehrter Herr Blatter, als Präsidenten der FIFA und somit als Veranstalter der WM möchte ich Sie ganz besonders herzlich begrüßen. Ich danke Ihnen für die gute Zusammenarbeit und das zu Recht in unser Land gesetzte Vertrauen.