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Reden
Reden

Rede von Staatssekretär Hans Bernhard Beus anlässlich der Eröffnung des Workshops "Fußball für alle - Fußball, ethnische Minderheiten und die Weltmeisterschaft" vom 5. Mai 2006

Dienstag, 9. Mai 2006

Exzellenz, sehr geehrter Herr Botschafter, sehr geehrte Abgeordnete, meine sehr verehrte Damen und Herren, verehrte Anwesende.


Zu diesem britisch-deutschen Workshop überbringe ich Ihnen die herzlichen Grüße der Bundesregierung und insbesondere die von Innenminister Dr. Wolfgang Schäuble, der bekanntlich auch der Sportminister der Bundesrepublik Deutschland ist. Im Bundesinnenministerium laufen die WM-Vorbereitungsarbeiten der Bundesregierung zusammen. Nach intensiver Arbeit in den vergangenen Jahren freuen wir uns auf den Anstoß der WM in genau 5 Wochen oder 35 Tagen.

Die Bundesregierung begrüßt die Initiative der britischen Botschaft für diesen Workshop "Fußball für alle - Fußball, ethnische Minderheiten und die Weltmeisterschaft." Bereits vor einem Jahr sind wir hier ja zusammengekommen, um in einem ähnlichen Workshop Perspektiven für die deutsch-britische Zusammenarbeit anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft auszuloten.
 
Deutschland freut sich darauf, Gastgeber der Welt sein zu dürfen. Wir haben zwar in einem Zeitraum von zehn Jahren nicht weniger als 70 Welt- und Europameisterschaften in Deutschland, was zeigt, dass Deutschland ein attraktiver Sportstandort ist. Wir wissen aber auch, dass eine Fußball-Weltmeisterschaft etwas ganz besonderes ist:
  • neben Olympia weltgrößte Sportveranstaltung
  • 3 - 4 Mrd. Menschen blicken über die Medien nach Deutschland
  • in den nächsten 50 Jahren vermutlich nicht wieder Ausrichter.

All dem versuchen wir unter dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" gerecht zu werden.

Ich möchte aber auch zum eigentlichen Thema des Workshops - Fußball - Integration und Rassismus - zu sprechen kommen:  Ein zeitgemäßes Verständnis von Sport schließt den Sport als Medium und Arena der Zivilgesellschaft ein. Als Mittel der Integration baut Sport Sprachbarrieren und kulturelle Vorbehalte ab, trägt zu wechselseitiger Akzeptanzsteigerung von Einheimischen und Zuwanderern bei und fördert das soziale Engagement in Sportorganisationen.

Gleichzeitig wird ein Beitrag zur Gewalt- und Suchtprävention geleistet und für neue Mitglieder in Sportvereinen geworben. Auf Initiative der Bundesregierung führt der Deutsche Sportbund (DSB) deshalb seit 16 Jahren das Integrationsprogramm "Integration durch Sport" durch, das mit jährlich über 5 Mio. € aus Mitteln des BMI/BAMF gefördert wird. Zentrales Ziel des altersunabhängigen und bundesweiten Programms ist die Integration von Zuwanderern in die Aufnahmegesellschaft durch und in den organisierten Sport.

Fußball ist als Mannschaftssport besonders geeignet, diese gesellschaftliche Integration zu unterstützen. Persönliche Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten unterschiedlicher Gruppen sind erforderlich, um Ressentiments abzubauen und dadurch dem – vermeintlich oder tatsächlich - Außenstehenden die Integration in das Gemeinwesen zu erleichtern.

Zuwanderer und viele andere, deren Lebenssituation in der Gesellschaft schwierig ist, sind in Vereinen als gleichberechtigte Mitglieder anerkannt. Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Leistung, die unabhängig von Nationalität, Sprache, sozialem oder kulturellem Hintergrund ist. „Fairness“, „Toleranz“ und „Teamgeist“ sind hier keine leeren Begriffe, sondern werden aktiv gelebt. Sport eröffnet nicht nur individuelle Chancen und Möglichkeiten. Im Verein ausgeübt trägt er außerdem wesentlich dazu bei, Freundschaften entstehen zu lassen und Personen mit Migrationshintergrund in ein stabiles soziales Umfeld einzubinden.

Damit ist der Sport besonders geeignet, die soziale Integration von Ausländern zu fördern: Der zwanglose Kontakt neutralisiert Gefühle gegenseitiger Fremdheit, baut Vorurteile ab und verringert soziale Distanzen. Gemeinsame sportliche Aktivitäten zeigen, dass dabei das Gemeinschaftserlebnis, die gemeinsame Ausrichtung auf ein anzustrebendes Ziel im Vordergrund steht und dabei sowohl sprachliche als auch ethnische Barrieren überwunden werden. Die Gemeinsamkeit mit Menschen aus verschiedenen Kulturen schafft ein "Wir-Gefühl", das fast zwangsläufig integriert.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) selbst führt umfangreiche soziale und integrative Aktivitäten durch:  An jedem Spieltag spielen in über 80.000 Begegnungen deutsche und ausländische Spieler mit- und gegeneinander Fußball. Damit leisten Fußballvereine und -verbände Woche für Woche eine enorm "natürliche" Integrationsarbeit.

Seit 1992 wird auf Beschluss der Manager und Geschäftsführer der Bundesligavereine die gemeinsame Aktion "Mein Freund ist Ausländer" gegen Ausländerfeindlichkeit mit allen Bundesligisten durchgeführt.

Gleichzeitig finden zahlreiche Aktivitäten im Bereich "Gewaltprävention" statt. Im Wesentlichen sieht der DFB drei Aktionsbereiche: Bewusstmachung, konkrete Maßnahmen und Durchsetzungsstrategien. In punkto Bewusstmachung steht hier die Eigenverantwortung der Vereine im Vordergrund und wird durch den DFB im Amateur- und Jugendbereich gefördert. Als konkrete Maßnahme ist hier der DFB-Wettbewerb "Fair ist mehr" zu nennen. Als Durchsetzungsstrategien gelten hier die Schaffung von strukturellen Voraussetzungen in den Regional- und Landesverbänden sowie der Aufbau von Netzwerken.

Rassismus erscheint leider in Europa unausrottbar. Unschöne Szenen kennen wir aus vielen Fußballstadien, auch in Deutschland.

Die Bundesregierung setzt sich auf vielen Ebenen gegen Rassismus ein. International im Rahmen von EU, OSZE, Europarat und VN, national im "Forum gegen Rassismus" zusammen mit Vertretern der Zivilgesellschaft und mit dem "Bündnis für Demokratie und Toleranz - gegen Extremismus und Gewalt". In Letzterem werden insbesondere junge Menschen angesprochen. So werden zum Beispiel zum alljährlichen Verfassungstag rund 400 Jugendliche aus dem ganzen Bundesgebiet zu einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm in die Hauptstadt eingeladen.

Bei den diesjährigen Veranstaltungen wird auch die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 2006 zum Anlass genommen, um sich mit den Themen Toleranz und Weltoffenheit auseinanderzusetzen. So soll in dem Workshop "Tatort Stadion. Rassismus und Diskriminierung im Fußball" auch die Situation in den Fankurven und was Fans sowie Vereine gegen Rassismus und Diskriminierung tun können, diskutiert werden. Im Mittelpunkt eines weiteren Forums steht "Fußball und Integration im Amateurbereich". Für diese Foren stehen den Jugendlichen mit Gerd Dembowski und Ronald Noack (Flutlicht / Football against Racism in Europe), Christian Beeck (ehemaliger Fußballprofi u.a. bei Energie Cottbus, jetzt Geschäftsführer beim 1. FC Union Berlin) sowie Türkan Arslan, Spielertrainerin von Türkiyemsport Berlin, kompetente Gesprächspartner zur Verfügung.

Die Bundesregierung und namentlich mein Haus hat sich sehr beim WM-OK und auch bei der FIFA dafür eingesetzt, dass das Thema Gemeinsam gegen Rassismus auch bei der WM 2006 einen angemessenen Stellenwert erhält. Vertreter der Vereinten Nationen, der Europäischen Union, des Europaparlaments, der Bundesregierung, von FIFPro (Fédération Internationale des Footballeurs Professionells), FARE (Football Against Racism in Europe), des OK und der FIFA trafen am 28. März 2006 in Zürich zusammen, um gemeinsam geeignete Maßnahmen während der WM 2006  zu entwickeln.

Die FIFA hatte kurz zuvor die Anpassung ihres Disziplinarreglements (Art. 55) verabschiedet, um bei rassistischen Verstößen härtere Strafen, bis hin zu Punkteabzügen, Suspensionen oder Disqualifikationen verhängen zu können. Damit hatte die FIFA die notwendigen Instrumente geschaffen, um künftig Rassismus und Diskriminierung im Fußball effizient bekämpfen zu können. Die Sitzungsteilnehmer stellten sich hinter die vom FIFA-Exekutivkomitee verabschiedeten Sanktionen gegen jegliche Form von Rassismus und Diskriminierung sowie die jüngste Erklärung des Europäischen Parlaments betreffend Rassismusbekämpfung im Fußball.

Volle Unterstützung und Anerkennung fand die Absicht der FIFA, auch im Rahmen der WM 2006 in Deutschland ein deutliches und weltweites Zeichen gegen Rassismus zu setzen. So wird die FIFA ihren jährlichen Antirassismustag während der WM in Deutschland und öffentlichkeitswirksame Antirassismusaktionen unter dem Motto "Say No to Racism" insbesondere vor dem Anpfiff der Viertelfinalspiele am 30. Juni und 1. Juli 2006 in Zusammenarbeit mit FARE durchführen. Darüber hinaus werden sich zahlreiche weltbekannte Spieler für weitere Antirassismus-Aktionen zur Verfügung stellen. Die Initiativen FARE und KOS (Koordinierungsstelle Fanprojekte) führen zudem während des gesamten WM-Zeitraumes Antirassismusprojekte im Fanbereich durch.

Der Kampf gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, und für Integration geht auf vielen Ebenen weiter. Die Fußball-WM wird eine geeignete Bühne sein, deutlich zu machen, dass wir uns als WM-Gastgeber gegen jede Form der Fremdenfeindlichkeit entschieden zur Wehr setzen werden. Dass dieser Workshop sich diesem wichtigen Ziel unterstützend zuwendet, ist ein ermutigendes Zeichen.

Ich darf daher dem Workshop einen konstruktiven Verlauf und viele gute Ergebnisse wünschen.

Bild eines weiblichen kamerunischen Fans