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Reden
Reden

Pressestatements von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Franz Beckenbauer, Jürgen Klinsmann und Theo Zwanziger anlässlich ihres Treffens am 15. März 2006 im Bundeskanzleramt

Donnerstag, 16. März 2006

BK’IN DR. MERKEL: Meine Damen und Herren! Lieber Theo Zwanziger, lieber Franz Beckenbauer, liebe Mitglieder des Organisationskomitees, lieber Oliver Bierhoff, lieber Jürgen Klinsmann!
 
Als Bundeskanzlerin der großen Koalition hatte ich mich in den vergangen Monaten natürlich darum zu kümmern, die Beschlüsse aus dem Koalitionsvertrag umzusetzen, Reformen voranzutreiben und die Weichen für eine gute Zukunft unseres Landes zu stellen, also unser Land wieder an die Spitze Europas und in der Welt zu führen. Doch ich sage ganz freimütig: Das erscheint gleichsam nichts im Vergleich zu dem, was uns heute Abend beschäftigen wird. Heute geht es einmal nicht um die Zukunft Deutschlands, heute geht es um die Zukunft des deutschen Fußballs. Das ist etwas ganz anderes und bekanntlich auch viel bedeutender.
 
Meine Damen und Herren! Ich kann Sie auch beruhigen: Wir haben im Koalitionsvertrag keine Festlegungen zur Zukunft des deutschen Fußballs getroffen. Es gibt zwar das Abstandsgebot im deutschen Sozialrecht, das uns bei den Debatten zum Kombi- und Niedriglohn auch noch ausführlich beschäftigen wird. Aber welchen Abstand die deutschen Verteidiger zu ihren Gegenspielern einnehmen sollen, wird mit Sicherheit nicht von der Politik entschieden werden. Ich kann Ihnen auch versichern, dass wir nicht vorhaben, im Zuge des Bürokratieabbaus, den wir natürlich vorantreiben werden, die Abseitsregelung im Fußball aufzuheben. Auch diese darf erhalten bleiben.
 
Diejenigen, die von mir ein Machtwort in der Torwartfrage erwarten, muss ich auch enttäuschen. Jürgen Klinsmann braucht mit Sicherheit keine Ratschläge. Meine Erfahrung ist allerdings auch eindeutig: Am Ende kann es immer nur eine Nummer eins geben. Die Systemfrage, ob die Nationalmannschaft besser mit oder ohne Raute, mit zwei Viererketten oder drei Stürmern spielen wird, ist mit den Worten eines Ehrenspielführers gesprochen alleine Sache des Bundestrainers.
 
Meine Damen und Herren! Der Deutsche Fußballbund gehört zu den größten und erfolgreichsten Verbänden in der ganzen Welt. Ich bin mir ganz sicher, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 für unser Land politisch, kulturell und wirtschaftlich ein Erfolg werden wird. Ich bin genauso sicher, dass sie auch sportlich ein Erfolg werden wird. 1974 waren wir Weltmeister, und 1990, 16 Jahre später, waren wir wieder Weltmeister. 2006, wieder 16 Jahre später, wird die Weltmeisterschaft in Deutschland stattfinden. Ich bin überzeugt, dass Jürgen Klinsmann und sein Team auf dem richtigen Weg sind. Es ist richtig, auf junge und entwicklungsfähige Spieler zu setzen, die begeisterungsfähig sind.
 
Lieber Herr Klinsmann! Sie haben mit Ihrem Team neue Methoden eingeführt und alte Zöpfe abgeschnitten. Dafür gibt es immer Zustimmung, solange der Erfolg anhält. Bei Niederlagen hagelt es Kritik. Davon darf man sich nicht beirren lassen. Wenn man von einem Kurs überzeugt ist – und das sage ich aus eigener Erfahrung ‑, muss man daran festhalten. Wankelmut schafft kein Vertrauen. Täglich wechselnde Entscheidungen führen nicht zum Erfolg.
 
Deshalb sage ich: Lassen wir uns doch überraschen, was in uns steckt und was gerade bei der Weltmeisterschaft 2006 alles möglich ist. Vergessen wir nicht, dass Deutschland immer eine Turniermannschaft war. Der Erfolg wird nicht zuletzt davon abhängen, ob wir Deutschen unseren Heimvorteil wirklich nutzen wollen, ob wir hinter unserer Mannschaft stehen wollen oder ob wir zulassen wollen, dass sie schon vor dem ersten Spiel in Grund und Boden geredet und geschrieben wird.
 
Wir haben das heutige Gespräch lange geplant, und zwar bereits im vergangenen Jahr. Ich möchte natürlich die Gelegenheit nutzen, um mich über den Stand der Vorbereitungen zur Weltmeisterschaft zu informieren. Ich möchte wissen, wie weit die Umsetzung der Garantien der Bundesregierung ‑ es geht um die Fragen Sicherheit, Verkehr, Steuern, Visa-Erteilung ‑ erfolgt ist.
 
Vor allem möchte ich mich beim ganzen Organisationskomitee und bei Franz Beckenbauer bedanken. Sie alle leisten einen vorzüglichen Job. Wenn ich den Präsidenten des Deutschen Fußballbundes, Theo Zwanziger, ansprechen darf, dann möchte ich Sie bitten, ein ganz herzliches Dankeschön vor allen Dingen an die Ehrenamtlichen auszurichten, die diese Weltmeisterschaft unterstützen, die sich auf sie freuen, die dafür gearbeitet, trainiert haben und die helfen werden, dass das alles reibungslos ablaufen wird.
 
Es ist oft gesagt worden: Ohne Franz Beckenbauer hätte Deutschland wohl kaum den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft bekommen. Ich bin überzeugt, dass das richtig ist. Seit einigen Wochen sind Sie, lieber Herr Beckenbauer, auf „Wel­come-Tour“ unterwegs. Sie besuchen alle Teilnehmerstaaten und laden sie persönlich nach Deutschland ein. Wenn ich im Ausland bin, dann gehe ich manchmal auf Ihren Spuren und treffe begeisterte Staats- und Regierungschefs. Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie diese Strapazen auf sich nehmen.
 
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüßen und möchte Ihnen viel Kraft, Ausdauer, gute Nerven und gute Laune bei den Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft wünschen. Ich möchte Ihnen zusichern, dass die Bundesregierung Sie unterstützen wird. Ich bin ganz sicher, dass die Menschen im Lande schon heute die Daumen drücken und dass sie noch stärker die Daumen drücken werden, wenn das eigentliche Ereignis stattfinden wird.
 
Die Weltmeisterschaft 2006 steht unter dem Motto: „Die Welt zu Gast bei Freunden.“ Dieses Motto wollen wir in diesem Sommer mit Leben erfüllen. Wir wollen ein welt­offenes und ein gastfreundliches Land präsentieren. Ich bin überzeugt, dass wir das nur alle gemeinsam können. Dazu soll der heutige Gedankenaustausch beitragen.
 
BECKENBAUER: Liebe Frau Bundeskanzlerin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Es tut mir Leid, dass Sie heute noch arbeiten müssen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass man bei einem Informationsaustausch auch noch im Vorfeld eine Pressekonferenz abhält. Das ist nun einmal Berlin. Das ist die Ausnahme. Das ist die Hauptstadt. Also machen wir das gerne.
 
Liebe Frau Bundeskanzlerin! Herzlichen Dank für die Einladung. Wie Sie richtig sagen, ist dieser Termin schon vor Monaten ausgemacht worden. Es ist ein Informationsaustausch. Wir freuen uns sehr, dass Sie so interessiert sind und sich dieser Fußball-Weltmeisterschaft so widmen. Sie wissen ganz genau, dass das eine große Chance ist. Das wissen wir alle. Es wird in den nächsten 50 Jahren keine Fußball-Weltmeisterschaft in diesem Land stattfinden. Also packen wir diese Chance.
 
Die „Welcome-Tour“ in 31 Länder, die Sie auch angesprochen haben, ist schon anstrengend. Aber wenn man sieht, welche Resonanz uns entgegenschlägt und wo wir überall empfangen werden, dann ist das mit einem Staatsbesuch gleichzusetzen. Sie haben mit Sicherheit noch keine Beschwerden bekommen. Wir machen das eigentlich nicht schlecht. Sagen wir es einmal so: Wir blamieren uns nicht.
 
30 Länder haben wir schon besucht. Wir haben noch einen kurzen Sprung zu machen, nämlich Australien. Dann ist die Tour beendet. Als wir beim letzten Mal bei der Vorstellung der WM-Münze hier waren, kam mir im Gang Außenminister Steinmeier entgegen. Ich konnte ihn dann mit den Worten begrüßen: „Herr Kollege, wie geht es Ihnen?“ ‑ So haben wir uns gegenseitig begrüßt. Ich denke also, dass wir unser Land ganz gut vertreten.
 
Freuen wir uns auf diese Weltmeisterschaft. Ich freue mich auch, dass Jürgen Klinsmann jetzt seinen Wohnsitz in Kalifornien aufgegeben hat und ganz nach Deutschland ziehen wird. Das ist auch schön. Aber das wird er vielleicht noch selber sagen. Er hat von der Sonne genug, was ich auch verstehen kann. Zu viel Sonne ist auch wieder nichts. ‑ Das ist natürlich alles nur Spaß.
 
Ich möchte mich noch einmal herzlich für diesen Austausch bedanken und Ihnen noch einen schönen Abend wünschen. ‑ Danke!
 
KLINSMANN: Liebe Frau Bundeskanzlerin! Im Namen der sportlichen Leitung, auch im Namen von Oliver Bierhoff, möchten wir uns ganz, ganz herzlich für die Einladung und auch für die Gelegenheit bedanken, uns heute vor allem natürlich in fußballerischer Hinsicht mit Ihnen austauschen zu dürfen.
 
Herzlichen Dank auch für netten Worte der Aufmunterung! Gerade dann, wenn man Dinge verändern und vorantreiben will, muss man immer mit einbeziehen, dass es hier und da einmal etwas auf die Mütze gibt, so wie bei uns neulich in Italien. Aber ich kann Ihnen wirklich versprechen: Wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen. Wir werden unser Ding durchziehen ‑ egal, wo der Wohnsitz ist.
 
Wir werden eine Mannschaft in ein Turnier schicken, das natürlich für uns alle enorm wichtig ist, die viel Elan haben wird, die viel Selbstvertrauen hineinbringen wird und die natürlich die Fans auf ihrer Seite haben möchte und haben wird, um bei dieser Weltmeisterschaft richtig was zu reißen. Franz Beckenbauer sorgt mit seinem Stab dafür, dass es die größte und beste Weltmeisterschaft aller Zeiten werden wird. Wir wollen mit der Mannschaft dazu beitragen, dass es auch eine recht erfolgreiche Weltmeisterschaft werden wird. Er ist mein großes Vorbild. Er hat es mir vorgemacht. Er wurde als Spieler und Trainer Weltmeister. Vielleicht wird er auch als Organisationschef Weltmeister. Ich kann vielleicht sagen: ich darf es auch als Trainer werden. Aber es gibt natürlich noch jede Menge Arbeit zu tun. Wir werden sie tun. Wir würden uns auch nicht scheuen, hier und da einmal Dinge zu machen, die auf Kritik der Herrschaften von den Medien stoßen würden.
 
Wir freuen uns auf diesen Abend und bedanken uns noch einmal recht, recht herzlich! ‑ Ich übergebe an den Präsidenten des Deutschen Fußballbundes, Herrn Dr. Theo Zwanziger.
 
DR. ZWANZIGER: Frau Bundeskanzlerin, meine sehr verehrten Damen und Herren! Lieber Franz Beckenbauer, lieber Jürgen Klinsmann! Ich habe gerade eben über etwas nachgedacht. Wir stehen jetzt wenige Tage vor der Weltmeisterschaft 2006. Begonnen hat das Ganze 1993 ‑ so lange ist es her ‑ mit der Bewerbung des Deutschen Fußballbundes. Wolfgang Niersbach weiß das genauer. Aber damals war für die erste Pressemeldung des DFB, dass wir uns bewerben wollten, nur wenig Platz in den Zeitungen. Heute gibt es ein riesiges Aufgebot der Medien und von Menschen in unserem Land, die sich für diese Weltmeisterschaft begeistern, sich für sie interessieren und natürlich den Erfolg auf allen Ebenen wünschen.
 
Ich will an dieser Stelle auch noch einmal etwas sehr deutlich sagen: Die gesellschaftliche Seite dieses Großereignisses war von der Bewerbung bis heute für uns bestimmend. Es war die Wiedervereinigung Deutschlands, die wenige Jahre davor, nämlich 1990, vollendet wurde. Es war das Jahr, in dem wir auch Fußballweltmeister in Italien wurden und in dem wir glaubten, nach der Wiedervereinigung eine Mannschaft zu haben, die auf Dauer unschlagbar ist, weil wir eigentlich alle Spieler hatten, die in dieser Welt Fußball spielen konnten.
 
Heute stehen wir nun kurz vor diesem Ereignis und sind dankbar, Frau Bundeskanzlerin, dass Sie mit diesem Empfang auch das nationale Interesse an dieser Fußball-Weltmeisterschaft noch einmal unterstreichen. Ich darf Ihnen versichern, dass wir bei aller Arbeit, die wir haben und die wir in all diesen Jahren gehabt haben, zuversichtlich sind, dass wir bezüglich der Organisation diese WM gut vorbereitet haben. Dafür steht auch Horst Schmidt, der sich dieser Arbeit wie kein anderer annimmt und der diese schwierigen Aufgabenfelder in den 12 WM-Stadien betreut. Ich bin ganz sicher, dass wir das gemeinsam mit allen Freunden und unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schaffen werden.
 
Hier steht Franz Beckenbauer, der ‑ und das will ich hier auch noch einmal für den DFB sagen ‑ zusammen mit Wolfgang Niersbach in den letzten Monaten einen unglaublichen Kraftakt auf sich genommen hat. Es ist einmalig, 31 Länder in dieser Welt zu bereisen und damit eine Visitenkarte für Deutschland abzulegen. Ich glaube, das hat es noch nie gegeben. Das ist ein Zeichen, das wir in das Ausland tragen, dass wir alle willkommen heißen, die zu uns kommen, und dass wir uns auf sie freuen.
 
Damit dieses nationale Ereignis auch zu einem Erfolg werden kann, meine sehr verehrten Damen und Herren, wird der DFB mit all seinen Persönlichkeiten seinen Beitrag leisten. Wir brauchen natürlich auch Ihre Zustimmung. Es macht keinen Sinn, das alles tagtäglich nur zu zerreden und nur die Risiken und die Fragen aufzuwerfen. Man muss schlicht und einfach auch den Menschen, die das wollen, ein Stück Freude an diesem Ereignis signalisieren.
 
Wir wissen alle, dass mit einem Großereignis Probleme verbunden sind. Wir glauben und hoffen, dass wir sie meistern werden. Dafür arbeiten wir. Deshalb bin ich sicher, dass wir uns alle am 9. Juni in der Allianz-Arena in München, die dann FIFA WM-Stadion München heißen wird, freuen können.
 
Zu dieser Freude gehört natürlich auch eine Nationalmannschaft, die auf die Fans ausstrahlt. Ich will hier noch einmal sehr deutlich sagen, dass der Deutsche Fußballbund zu dieser jungen Mannschaft, zu ihrem Bundestrainer Jürgen Klinsmann, zu „Jogi“ Löw, zu Oliver Bierhoff und allen, die dort mitarbeiten, steht und dass wir ganz, ganz sicher sind, dass wir ihnen auf diesem Weg, den sie lange vorbereitet haben, und ihrer Konzeption vertrauen können und dass diese Mannschaft alles geben wird, um die Fans in Deutschland auch in diese WM-Stimmung zu bringen.
 
Frau Bundeskanzlerin, wir danken Ihnen für diesen Empfang. Das zeichnet uns aus ‑ nicht uns, die wir hier stehen, sondern die vielen Millionen Fußballfans in Deutschland und die Millionen Ehrenamtlichen, die im Fußball arbeiten. Ich möchte zum Schluss sagen: Es gibt diese Weltmeisterschaft. Es gibt aber auch den Tag danach. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Ihnen, Frau Bundeskanzlerin, die Sie sich, wie ich weiß, neben dem professionellen Fußball auch im hohen Maße für die gemeinnützigen Felder unseres Sports interessieren. Ich denke, wir werden gemeinsam für unser Land noch einiges erreichen können. ‑ Vielen Dank! Wir wissen zu schätzen, dass diese Einladung sehr, sehr gut und wohl wollend gemeint ist und dass wir Ihre Unterstützung haben.

Bild eines weiblichen kamerunischen Fans