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Reden
Reden

Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder anlässlich der Eröffnung der Internationalen Tourismus-Börse am 11. März 2005 in Berlin

Freitag, 11. März 2005

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Gäste,
vor allen Dingen liebe internationale Gäste,

ich freue mich sehr, hier sein zu können, und ich bedaure, nicht ganz lange bleiben zu können. Das bedaure ich aus zwei Gründen: in erster Linie natürlich meinetwegen, weil mir etwas entgeht. Aber - ich habe mir das Programm und die Zusammensetzung der Talkrunden angeschaut - ich muss es auch Ihretwegen bedauern, denn ohne mich gibt es in der Talkrunde Fußball keinen wirklichen Experten. Das werden Sie ja selber erleben, wenn Ihnen die Mitglieder dieser Talkrunde vorgestellt werden.

In der Tat: Die Internationale Tourismus-Börse in Berlin wird in diesem Jahr Deutschland als Partnerland haben und natürlich auch präsentieren. Ich finde, das ist eine gute Entscheidung, weil damit deutlich wird, dass unser Land nicht nur eine führende Wirtschaftsnation bei Industrieprodukten, bei Produkten der Hochtechnologie ist, sondern auch eine erfolgreiche Nation, was Dienstleistungen angeht, insbesondere Dienstleistungen, die Ihrer Branche entspringen.

Hinzu kommt übrigens, dass deutlich werden wird, dass Deutschland wirklich ein interessantes Reiseland ist. Die großen kulturellen Leistungen und die Stationen, auf denen diese Leistungen erbracht worden sind, kennt man weltweit, aber sie einmal zu sehen, ihnen zu begegnen, etwas zu erleben, das ist, denke ich, eine Reise wert. Das wollen wir Ihnen so gestalten, dass Sie sich daran immer und immer wieder gerne erinnern.

Im Übrigen nehme ich an, dass die Auswahl von Deutschland als Partnerland nicht zufällig getroffen worden ist, sondern dass das etwas mit der Fußballweltmeisterschaft im nächsten Jahr zu tun hat. Es ist zweifellos das größte und auch bedeutendste internationale Sportereignis, das im nächsten Jahr bei uns stattfindet. Nehmen Sie es mir ab: Wir freuen uns alle unbändig darauf, und wir werden mit dem Organisationskomitee, mit seinem Präsidenten Franz Beckenbauer dafür sorgen, dass das ein großes Ereignis wird. Ganz, ganz viele werden sich da beteiligen.

Wir werden nicht nur an die "Professionals" delegieren, sondern ich bin ganz sicher, dass das eine Sache des ganzen Volkes werden wird - das umso mehr, als wir, was die deutsche Nationalmannschaft angeht, wirklich vorangekommen sind. Ich sage das ganz bewusst auch in Anwesenheit des Managers, Herrn Bierhoff, hier. Was die drei, die beiden Trainer und Herr Bierhoff, in den letzten Monaten auf die Beine gestellt haben, das ist wirklich beispielhaft - nicht nur, weil gezeigt worden ist, wie man in Deutschland Fußball spielen kann, wenn man nur will, sondern weil auch deutlich geworden ist, dass mit unkonventionellen Methoden, mit Frische in der Herangehensweise wirklich eine Leistungsexplosion erreicht werden kann. Wir hoffen natürlich alle, dass das anhält.

Fußballbegeisterte nicht nur aus Deutschland, sondern aus allen Kontinenten werden nach Deutschland kommen. Das Motto der Fußballweltmeisterschaft "Die Welt zu Gast bei Freunden" ist, glaube ich, etwas, was das, was wir uns wünschen und woran wir arbeiten werden, wirklich gut ausdrückt. Das Motto passt nicht nur zu dem Ereignis, sondern ganz ohne Zweifel auch sehr gut zur internationalen Tourismusbranche. Wie kein anderer Wirtschaftszweig profitiert der Tourismus von der Globalisierung, von der Tatsache, dass unsere eine Welt nicht nur eine ist, sondern auch immer enger zusammenrückt.

Im vergangenen Jahr - das ist schon deutlich geworden - waren weltweit rund 760 Millionen Touristenankünfte - so lautet die international übliche Bezeichnung - zu verzeichnen. Dies entspricht einem Zuwachs von 10 Prozent pro Jahr. Das macht nicht nur denjenigen Spaß, die es tun und tun können, und nicht nur denjenigen, die Gastgeber sind, sondern das ist auch ein volkswirtschaftliches Großereignis, das man gar nicht hoch genug einschätzen kann.

In diesem Jahr erwarten die Experten einen weiteren deutlichen Anstieg. Es ist wahr: Die Deutschen tragen nachhaltig dazu bei. Wir sind nicht nur Exportweltmeister, was wir gerne sind; wir sind auch ganz vorne, was das Reisen angeht. Jährlich mehr als 40 Millionen Auslandsreisen machen Deutsche in alle Länder der Welt.

Zugleich, denke ich, ist es wichtig zu erkennen, dass die Tourismusbranche sehr stark von einer stabilen internationalen Lage abhängt. Das wissen Sie als Fachleute besser als ich, aber ich weiß es auch. Das hat die Branche spüren müssen - nach den schrecklichen Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten. Aber nicht nur dieses: Auch Instabilitäten politischer Art, wie etwa die, die es in den Regionen des Nahen und Mittleren Ostens gibt, wirken sich unmittelbar aus. Mehr Stabilität in die internationale Politik zu bringen ist deswegen eine der wichtigsten Bedingungen für die Prosperität dieser Branche.

Politische Stabilität, Sicherheit und friedliche Entwicklung in Sicherheit sind mehr denn je unverzichtbare Bedingungen - nicht nur für ein gutes, ein vernünftiges Leben auf diesem Erdball, sondern auch für wirtschaftliches Wachstum, nicht nur, aber eben auch in der Tourismusbranche. Deswegen gibt es schon einen ganz, ganz engen Zusammenhang zwischen der Prosperität der Branche auf der einen Seite und dem Streben nach politischer Stabilität und dem Einsatz für eine friedliche Entwicklung auf der anderen Seite.

Übrigens - das haben wir erfahren müssen -: Unvorhersehbare Ereignisse wie Naturkatastrophen sind große, nicht nur persönliche Leiderfahrungen, sondern auch große Risiken für die Tourismuswirtschaft. Es ist hier jedenfalls einen Moment von der großen Flutkatastrophe in Südasien zu reden, die vor wenigen Wochen schreckliches Leid über Millionen von Menschen gebracht hat. Hunderttausende haben ihr Leben verloren, Millionen von Menschen ihre Angehörigen, auch ihr Hab und Gut.

In den betroffenen Ländern wurde die Infrastruktur, auch die touristische Infrastruktur, schwer geschädigt. Wir haben in der Zeit nach dieser Katastrophe eine einmalige weltweite Hilfsbereitschaft erlebt. Auch die Tourismusbranche - das gilt es anzuerkennen - hat schnell und unbürokratisch reagiert und hat geholfen - sowohl, als es galt, die Urlauber sicher zurück in ihre Heimat zu bringen, als auch bei der Unterstützung der Menschen am Ort.

Wir spüren nun einen unglaublichen Wiederaufbauwillen in den betroffenen Regionen. Vielerorts ist die Infrastruktur bereits wiederhergestellt, Hotels und Restaurants sind wieder geöffnet. Neben den staatlichen und den grandiosen privaten Hilfen ist jetzt vor allen Dingen eines notwendig - das, denke ich, muss man gerade heute, gerade auf dieser Internationalen Tourismus-Börse sagen -: Die Touristen sollten die Ziele in den betroffenen Regionen nicht aus den Augen verlieren, sondern sie wieder ansteuern. Das hilft den Menschen ganz unmittelbar. Das hilft, neue Existenzen aufzubauen, und das hilft, Lebensperspektive zu gewinnen. Das ist jedenfalls etwas, was ich mir wünsche.

Das Fernbleiben von Touristen würde die Menschen vor Ort hart treffen, für die der Fremdenverkehr häufig die einzige, jedenfalls die einzig bedeutsame Lebensgrundlage ist. Dieser Zusammenhang macht übrigens auch klar, welche Bedeutung der Tourismus insgesamt für die wirtschaftliche Entwicklung in allen Regionen der Welt hat. Gerade in den unterentwickelten Regionen bedeutet der Tourismus eine große Chance für die Mehrung und Entwicklung von Wohlstand und damit auch für die Beschäftigung von Menschen. Aufgabe der Tourismuswirtschaft ist es, dass möglichst vielen Menschen an diesen Möglichkeiten Teilhabe gegeben wird.

Meine Damen und Herren, in der Tourismusbranche weiß man: Weltoffenheit und Toleranz sind die Voraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg. Gastfreundschaft, wie wir sie, glaube ich, alle verstehen, beinhaltet ja beides: zum einen die Offenheit, die Freundlichkeit des Gastgebers zu seinem Gast, aber umgekehrt auch den Respekt des Gastes vor den kulturellen Eigenheiten, den kulturellen Traditionen des Gastlandes. Nur dort, wo beides der Fall ist, kann Tourismus auf Dauer zum beiderseitigen Nutzen möglich sein.

Verständnis, Offenheit, Toleranz, auch Neugierde auf andere Kulturen sind die Grundlage von Reiselust. Auch deswegen werbe ich für den Dialog der Kulturen. Es geht nicht um den Kampf der Kulturen, sondern es geht, wenn wir es richtig verstehen, als zivilisierte Menschen, um den Kampf um die Kultur, und zwar allerorten.

Es gibt überall in der Welt - das kann man immer wieder spüren, wenn man herumkommt - Möglichkeiten, den Tourismus in dieser Weise zu entwickeln. Wir werden das langfristig nur schaffen, wenn der kulturelle Austausch keine einseitige Beziehung ist, wenn wir einander begegnen, hier wie dort, und bereit sind, voneinander zu lernen. Darum wollen wir den Dialog zwischen unseren Gesellschaften weiter fördern, damit die Menschen in einer immer enger zusammenrückenden Welt sich einander besser verstehen und, wie gesagt, im wahrsten Sinne des Wortes voneinander lernen können. Welch besseren Ort könnte es dafür geben als eine internationale Tourismusmesse! Und ich füge hinzu: Welch besseren Ort könnte es dafür geben als Berlin! - Für diejenigen, die klatschen: Gerade ist mir noch Hannover eingefallen.

Meine Damen und Herren, gerade in Deutschland wird der Zusammenhang von Weltoffenheit auf der einen Seite und wirtschaftlichem Erfolg auf der anderen Seite besonders deutlich. Kein anderes Land der Welt exportiert mehr Waren als wir. Wir haben in den vergangenen Jahren als einziges der sieben großen Industrieländer unsere globalen Marktanteile steigern können, und das trotz immer härterer Konkurrenz auf den internationalen Märkten.

Dieser Erfolg in den Märkten der Welt ist nur möglich geworden, weil unser Land offen ist gegenüber anderen Kulturen, offen gegenüber den Menschen aus anderen Kulturen und natürlich den Kulturkreisen selbst auch. Das ist übrigens eine innenpolitische Aufgabe, die ich aber gerne erwähne. Diese Haltung der Offenheit und der Toleranz gilt es stets aufs Neue gegen Intoleranz, gegen Ausgrenzung Andersdenkender, Andersaussehender zu verteidigen. Das tun wir. Ich versichere Ihnen: Wir tun das in Übereinstimmung mit der übergroßen Mehrheit unseres Volkes.

"Made in Germany" ist ein Gütesiegel - das bleibt auch so; wir wollen das verstärken -, auch ein Gütesiegel für das Reiseland Deutschland. Bei Besuchern aus dem Ausland wird Deutschland als Reiseland immer beliebter. Das freut uns. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der Übernachtungen von ausländischen Gästen um fast 30 Prozent auf 45 Millionen. Der Tourismus ist auch in Deutschland ein eminent wichtiger Wirtschaftsfaktor. Rund eine Million Menschen sind bei uns in der Hotellerie und der Gastronomie beschäftigt. In touristischen Unternehmen werden jährlich mehr als 100.000 junge Menschen, Frauen wie Männer, ausgebildet.

Gemessen an den Tourismuseinnahmen, belegt Deutschland weltweit den fünften Rang. Das ist auch vielen bei uns zu Hause nicht immer so präsent und bekannt, ist aber die Wahrheit. Diese ein bisschen zu verbreiten und deswegen das Verständnis für diese Branche besser werden zu lassen - ich sollte sagen: noch besser werden zu lassen - ist mir ein wirkliches Anliegen. Dies ist ein Beleg für die hohe Attraktivität Deutschlands als Reiseland, auch ein Beleg für eine hervorragende Infrastruktur bei uns zu Hause.

Mehr als 30 Orte unseres Landes zählen mittlerweile zum UNESCO-Weltkulturerbe - das hat wirklich den Beifall verdient. Aber nicht nur, meine Damen und Herren, die beliebten Landschaften in den Alpen und an der Ost- und Nordseeküste sowie die interessanten Großstädte lohnen Ihren Besuch. Ausdrücklich möchte ich alle Regionen nennen, deren es viele gibt und die ihren Reiz auch dann haben, wenn sie noch nicht so bekannt sind wie andere, die ich erwähnt habe. Man hat mir hier ein paar ins Manuskript geschrieben, die ich erwähnen sollte; das lasse ich mal weg, weil sich dann die beschweren, die ich nicht erwähnt habe. Das ist bei solchen Dingen aber immer so.

Meine Damen und Herren, mit der Fußballweltmeisterschaft findet im kommenden Jahr ein Ereignis statt, das nicht nur sportlich, sondern auch touristisch für uns von hohem Interesse ist. Wir erwarten dann in Deutschland mehr als 3 Millionen Fußballfans aus aller Welt. Zusammen mit den beträchtlichen Investitionen in moderne Sportstätten und in die Verkehrsinfrastruktur bedeutet das auch einen spürbaren wirtschaftlichen Impuls.

Die 36 Spiele werden schätzungsweise 30 Milliarden Zuschauer in aller Welt verfolgen. Das macht deutlich, dass die Fußballweltmeisterschaft ein wahrhaft globales Ereignis ist. Das Interesse der Zuschauer wird also nicht nur dem Sport gelten, sondern auch unserem Land und seiner Kultur. Das ist eine große Chance für uns Deutsche, Deutschland als weltoffenes, als innovatives und wirtschaftlich starkes Land mit einer großen und großartigen Kultur zu präsentieren, und wir wollen das tun. Es geht um ein Land mit reicher Geschichte und beeindruckender Gegenwart, ein Land mit vielfältigen landschaftlichen Reizen, im Übrigen ein Land der Fußballbegeisterung und auch der Gastfreundschaft.

Meine Damen und Herren, vor Ihnen liegen fünf Messetage hier. Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Messeverlauf mit vielen, vielen guten neuen Kontakten - natürlich auch mit einer Vertiefung der alten -, und ich wünsche Ihnen vor allen Dingen, weil das ja auch ein wirtschaftliches Ereignis ist, viele gute Geschäfte.

Ich bin ganz sicher, Sie werden alle spüren, dass Sie ganz nach dem Motto der Fußballweltmeisterschaft hier bei Freunden zu Gast sind, dass Sie hier gern gesehen sind und dass wir hoffen, dass Sie sich gern an uns erinnern. - Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.


Bild eines weiblichen kamerunischen Fans