Karl-Heinz RummeniggeFoto: dpaKarl-Heinz Rummenigge sieht in Brasilien das Top-Team der WM

Karl-Heinz Rummenigge: Vorteil für Deutschland

Donnerstag, 8. Juni 2006

Im Gespräch mit Wolfgang Golz verrät Rummenigge seine WM-Favoriten. Und der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München weiß aus eigener Erfahrung: Körperliche Fitness kann eine Mannschaft bis ins Endspiel einer WM bringen.

Herr Rummenigge, was muss passieren, damit Brasilien nicht Fußball-Weltmeister wird?
 
Karl-Heinz Rummenigge: Keine Diskussion - Brasilien ist haushoher Favorit. Das Team spielt den besten Fußball auf der Welt, die Mannschaft verfügt von der Abwehr bis zum Sturm über großartige Fußballer und mit Ronaldinho den mit Abstand besten Spieler der Welt. Mit ihm, Kaká und Adriano kann Brasilien eine Offensivabteilung aufbieten, die hat es noch nie gegeben. Wenn sie ihr Potenzial entwickeln, dann gilt für jede Abwehr: Gnade Gott.
 
Und was könnte Brasilien stoppen?
 
Für die anderen Mannschaften gibt es nur eine Hoffnung, dass nämlich die Brasilianer mit dem Wissen um ihre Klasse die WM leichtfertig angehen. Ich denke an die Turniere 1982 und 1986. Auch damals hatte Brasilien großartige Mannschaften. Doch sie scheiterten - 1982 an Italien als späterem Weltmeister, 1986 an Frankreich, das wir im Halbfinale bezwangen -, weil sie zu wenig konzentriert diese große Aufgabe anfassten.
 
Welches System wird Brasilien uns zeigen? Sind auf dem Feld Überraschungen zu erwarten?
 
Brasilien praktiziert ein klassisches 4-4-2. Das aber sehr variabel ist, weil die Spieler auf sehr hohem Niveau agieren. Im Mittelfeld operieren Emerson und Zé Roberto zum Beispiel in der Defensive, obwohl sie auch exzellente Offensiv-Qualitäten besitzen. Auf system-taktischem Gebiet sind übrigens kaum Neuigkeiten zu erwarten. Die Top-Teams spielen praktisch alle 4-4-2.
 
Wer sind Ihre Favoriten der zweiten Reihe?
 
Diese Gruppe wird angeführt von Italien. Dabei wirkt sich durchaus positiv aus, dass Stürmer Francesco Totti wegen einer Verletzung lange fehlte. So hoch seine individuelle Klasse sein mag, ist er doch ein sehr egoistischer Spieler. Weil er lange nicht dabei war, so meine Beobachtung, tritt die Mannschaft heute harmonischer auf. Trainer Marcello Lippi hat die richtige Mischung gefunden und der Squadra Azzura echten Teamgeist eingehaucht, was in Italiens Fußball nicht leicht ist. Die Abwehr ist das Beste, was die Welt zu bieten hat, und mit Buffon steht auch der weltbeste Torhüter zwischen den Pfosten.
 
Und taktisch?
 
Unter Lippi heißt Ziel Nummer eins nicht mehr nur, Tore zu verhindern. Eher wie früher Otto Rehhagel: kontrollierte Offensive. Das System ist auch ein klassisches 4-4-2. Manchmal jedoch ein 4-3-3, wenn del Piero offensiv eingebunden wird.
 
Die anderen Mitfavoriten sind?
 
Da ist Argentinien. Eine typische Turniermannschaft, der bei der WM 2002 ein unerwarteter Ausrutscher passierte. Aber wegen dieses Aussetzers wollen sie die Rehabilitierung. Argentinien ist individuell sehr gut besetzt, doch nicht so überragend wie die Brasilianer. Technisch spielen sie auf höchstem Niveau, und sie sind dazu knochenhart. Die Mannschaft ist stark abhängig von Riquelme, der sich als konstante Größe gezeigt hat. Doch manchmal ist er auch launisch. Mit Crespo haben die Argentinier einen Stürmer, der aus null Chancen ein Tor machen kann, wie es im Fußballer-Jargon heißt.
 
Dann noch England. Die Engländer sind zwar so gut besetzt wie seit Jahrzehnten nicht, doch sie haben zwei Probleme: Wird Stürmer Rooney, der in einer Sensationsform war, wirklich wieder fit? Und wie wird das Problem mit Trainer Eriksson ausgehen? Jetzt steht schon fest, dass er nach dem Turnier aufhört. Das erinnert mich an 1978. Damals war es bei uns Helmut Schön. Ich bin gespannt, wie die Spieler damit umgehen. Vor allem angesichts einer englischen Presse, die mächtig zulangt. Die Zeit des „kick and rush“ ist in Englands Fußball aber lange vorbei. Die Spielkultur ist deutlich gestiegen. Doch auffällig bleibt, wenn die Briten ihre Insel verlassen, zeigen sie längst nicht mehr die Qualität wie zu Hause. Entscheidend wird sein, wie sich David Beckham präsentieren kann. Seit seinem Wechsel zu Real Madrid hat er an Klasse verloren. Er läuft zwar viel, aber es bringt nichts. Beckham setzt keine Akzente mehr.
 
Sie haben Favoriten und Mitfavoriten genannt. Und wie halten Sie es mit der deutschen Mannschaft, Herr Rummenigge?
 
Es ist von Vorteil, dass Klinsmanns Team nicht zum engeren Favoritenkreis zählt. Unter dem mentalen Druck würde sie sich sicher schwerer tun. Nach dem Fed-Cup haben doch 90 Prozent der Deutschen geglaubt, nun würden wir auch Weltmeister. Diese Bürde ist nach den Spielen gegen Slowenien und Italien weg. Damit ist der Druck auch für den Trainer nicht mehr so immens. Die harte Vorbereitung lässt erwarten, dass die fehlende Technik durch totale Fitness ausgeglichen werden soll. Mich erinnert dieses Turnier an das von 1986 in Mexiko. Franz Beckenbauer hat uns damals ebenfalls durch eine harte Vorbereitung geprügelt. Wir hatten zwar keine so gute Mannschaft, doch körperlich waren wir allen überlegen. Und am Ende Vize-Weltmeister, was uns niemand zugetraut hatte.
 
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Karl-Heinz Rummenigge ist Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München und ist im internationalen Fußball zu Hause wie kein anderer. Er berät die Europäische Fußball-Union und gehört der G14 an, dem Zusammenschluss der mächtigsten Klubs Europas. Als Profi wurde er mit München je zweimal Deutscher Meister und Pokalsieger, gewann zweimal den Europacup der Landesmeister und den Weltpokal. Er bestritt 95 Länderspiele, war Kapitän der Nationalelf und gewann mit ihr die Europameisterschaft 1980. 1982 und 1986 wurde er jeweils Vizeweltmeister. Er war dreimal Torschützenkönig der Bundesliga (insgesamt 162 Tore), war zweimal Europas Fußballer des Jahres, Weltfußballer und in den 90ern Deutschlands Fußballer des Jahrzehnts. 

Sport-Journalist Wolfgang Golz im Porträt