Felix MagathFoto: ddp/SimonFelix Magath

Magath: Deutschland – Italien war das beste Spiel der WM

Freitag, 7. Juli 2006

Das frühe Ausscheiden der Brasilianer hat Felix Magath nicht überrascht. Wohl aber die WM-Begeisterung der Menschen in Deutschland und der großartige Offensivfußball der deutschen Mannschaft. Bundestrainer will er aber trotzdem nicht werden, verrät der Trainer des FC Bayern Wolfgang Golz.

Wolfgang Golz: Herr Magath, Sie haben als Spieler an zwei Weltmeisterschaften teilgenommen. Wie erleben Sie das Klima im Lande – trotz des verpassten WM-Finals?
 
Felix Magath: Ich kann mich nicht an eine Begeisterung bei einer WM erinnern, wie sie jetzt herrscht. Ich bin wie jeder überrascht, wie sich Deutschland in diesen Tagen zeigt. Wir müssen noch begreifen, dass uns alle Welt erstaunt betrachtet, was wir aus der WM gemacht haben. Man hofft, dass sich die Stimmung auch nach der WM halten lässt – als Fingerzeig für die Gesellschaft, wie man miteinander leben kann.
 
Was kann man als Fußballer von dieser WM lernen?
 
Kritisch ist zu sehen, dass viele  Mannschaften auf Sicherheit bedacht waren und nicht risikofreudig und frei aufgespielt haben. Obwohl die deutsche Mannschaft gezeigt hat, was das Publikum sehen möchte: stürmische Angriffe, auf Torerfolg spielen. Wenn man das umsetzte, war das Publikum zufrieden. Man sollte aber Verständnis für Trainer und Spieler haben. Die Spieler haben Angst, bei einer Niederlage nach Hause fahren zu müssen, die Trainer müssen befürchten, ihren Job zu verlieren. Man muss auch das Bewusstsein schaffen, dass schlechtere Leistungen mal vorkommen, selbst wenn die Mannschaften versuchen, offensiven Fußball zu spielen.
 
Hat die WM gezeigt: Fitness schlägt Spaßfußball? Beispiel Brasilien…
 
Nein. Ich war bei Brasiliens Spiel gegen Australien im Stadion. Die haben keinen Spaßfußball zeigen können. Sie haben nur das Notwendigste getan, mit wenig Aufwand. Und die Zuschauer hatten keinen Spaß dabei, egal wie gut die einzelnen Spieler mit dem Ball umgehen können. Deutschland hat mit Hurra-Stimmung gespielt. Da hat es niemand gestört, dass wir gegen Costa Rica zwei Gegentore bekommen haben. Es wurde ja vier geschossen. Das ist das Zeichen dieser WM. Das ist nicht anders, als ich Trainer beim VfB Stuttgart war. Dort wurde aus der Not eine junge Mannschaft geboren, die nach vorne spielte, und man war bereit, Fehler zu akzeptieren. Der VfB erntete damals Sympathie in ganz Deutschland, nicht nur im Ländle.
 
Die deutsche Bundesliga wurde lange als zweit-, sogar drittklassig gescholten. Nun ist die Nationalelf – bis als Torwart Lehmann alle Bundesligaspieler – in die Weltspitze vorgestoßen.
 
Ich habe immer gesagt, wer die Bundesliga abwertet, täuscht sich. Wir spielen, was die mentale Beanspruchung angeht, in einer Top-Liga. Du musst auch gegen den Vorletzten mit aller Kraft spielen. In Spanien, England oder Italien gibt es schon mehrere Spiele, in denen man nicht so gefordert wird. Was die Willenstärke angeht, sind die deutschen Spieler führend. Bei großen Turnieren bringen sie immer große Leistungen. Das ist doch kein Zufall.
 
Die deutsche Mannschaft ist sehr jung. Heißt das um Umkehrschluss, man sollte in der Bundesliga auch mehr junge deutsche Spieler einsetzen?
 
Bei uns werden immer Zielvorgaben ausgestellt: Champions League erreichen, UEFA-Cup. Das Problem ist der Druck des Umfelds, das nicht akzeptiert, mal nur Achter oder Zehnter zu werden. Das wird nur akzeptiert, wenn ein Verein praktisch pleite ist. Gucken wir uns Dortmund an. In der Not wird auf junge deutsche Spieler zurückgegriffen.
 
Mit Philipp Lahm spielt einer großartigsten Spieler der WM beim FC Bayern. Wie kommt eine solche Leistungssteigerung wie bei ihm zustande?
 
Philipp ist ein Naturtalent, das zeigt sich auf höchstem Niveau. Er verfügt über eine gute Konzentration, er hat immer den Überblick, er denkt voraus. Er denkt schon daran, was er mit dem Ball macht, bevor er ihn hat. Philipp hat immer eine Lösung parat. Er ist selbstbewusst, manchmal frech und weiß immer, was er zu tun hat.
 
Michael Ballack verlässt den FC Bayern und Deutschland. Waren Sie mit seiner WM zufrieden?
 
Man hat bei der WM einen Michael Ballack gesehen, der sehr mannschaftsdienlich gespielt hat. Durch ihn hat das Team erst seine Stabilität gewonnen. Gegen Costa Rica gab es ohne ihn Probleme. Das Mittelfeld war zu offen. Es wurde kritisiert, dass er nicht so in Erscheinung getreten ist. Aber er hat sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. Ohne sein Spiel wäre sie nicht so überzeugend gewesen. Durch seinen Weggang beim FC Bayern können andere Spieler in die Lücke stoßen. Beim HSV haben wir damals Kevin Keegan verloren – und sind Meister geworden. Bei Bayern können jetzt mehrere Spieler Einfluss auf das Spiel nehmen. Wir werden flexibler sein und können schöneren Fußball spielen, wenn die Last auf mehrere Schultern verteilt wird.
 
Was hat Sie bei der WM enttäuscht?
 
Von Enttäuschung kann ich nicht reden. Am auffälligsten war die schwache Leistung der Brasilianer, die ich aber erwartet hatte.
 
Womit begründen Sie das?
 
Ich hatte ja meine beiden Brasilianer beim FC Bayern (Lucio, Weltmeister 2002, und Zé Roberto; die Redaktion). Mit welcher Überzeugung die verbreitet haben, dass sie Weltmeister werden, das war schon erstaunlich. Wenn die beiden schon so überzeugt waren, wie mussten dann Ronaldo und Ronaldinho denken? Diese Einstellung kann so nicht richtig sein. Ich bin deshalb nicht enttäuscht, ich hatte Brasiliens Abschneiden so erwartet.
 
Was hat sie positiv überrascht?
 
Die Zuschauereuphorie und die deutsche Mannschaft. Zu Beginn der WM war ich im Urlaub und hatte etwas von Fan-Festen gehört. Na ja, dachte ich, ein bisschen Theater wird da schon sein. Aber wie hier mit einer Fröhlichkeit gefeiert wurde, hat mich schon beeindruckt. Und so, wie die deutsche Mannschaft vorher gespielt hatte – vorne hui, hinten pfui -, konnte man sie nicht im Halbfinale erwarten. Ich dachte, es würde gegen die großen Mannschaften nicht reichen. Aber das Spiel gegen Italien war nicht nur das beste deutsche Spiel, es war das Beste der gesamten WM.
 
Falls Jürgen Klinsmann aufhören sollte, wären Sie als der doppelte Meistertrainer eigentlich der legitime Nachfolger. Eine reizvolle Aufgabe?
 
Nein. Ich hätte wohl auch nicht die nötige Geduld. Du kannst zwar eine Mannschaft aufstellen, bist dann aber von ihr abhängig. Bundestrainer und Bundesliga-Trainer sind zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe. Nach meiner aktiven Profikarriere war ich ja kurz Manager und habe schon damals festgestellt, irgendetwas passt da nicht. Ich bin glücklich, dass ich jeden Tag auf dem Platz stehen kann und am Wochenende ein Spiel habe. Ich habe  diesen Rhythmus als Spieler geliebt und brauche ihn jetzt. Also: Ich bin glücklich als Bundesligatrainer und glücklich beim besten deutschen Verein zu sein. Ein zusätzlicher positiver Effekt: Die tägliche Arbeit mit jungen Leuten verführt einen dazu, dass man nicht weiß und spürt wie alt man ist.
 
Wird die Bundesliga von der positiven WM profitieren?
 
Ich habe die Hoffnung, dass die Stimmung auch international Auswirkungen zeigt. Und wie Uli Hoeneß sagt, gibt es bereits erfreuliche Auswirkungen auf dem Kartenverkauf beim FC Bayern.
 
Erscheint die Trainingsarbeit von Jürgen Klinsmann jetzt in einem anderen Licht?
 
Ich habe immer gesagt, jeder Trainer muss seine Arbeit machen, wie er es für richtig hält. Ich weiß nicht, wie er trainiert. Er hat die Aufgabe, eine Mannschaft auf ein Turnier vorzubereiten, ich muss meine Mannschaft über das ganze Jahr auf hohem Level halten. Deshalb sind das zwei total verschiedene Arbeitsweisen. Ich weiß nicht, wie die Brasilianer trainieren oder die Franzosen. Noch einmal: Es reicht nicht, dass meine Mannschaft am 8. August fit ist, sie muss es auch am 14. Dezember oder im Frühjahr sein.
 
Felix Magath, 52, Spielmacher mit der Nr. 10, bestritt 306 Bundesligaspiele (46 Tore) und wurde mit dem Hamburger SV dreimal Deutscher Meister. Er war Europacupsieger der Pokalsieger und gewann den Europacup der Landesmeister (heute Champions League). Im Finale gegen Juventus Turin erzielte er das Tor zum 1:0-Sieg. Er bestritt 43 Länderspiele und wurde 1982 und 1986 Vizeweltmeister. Als Trainer gewann er mit dem FC Bayern München zuletzt zweimal nacheinander das Double: Meistertitel und DFB-Pokal.

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