Foto: ddp/LuebkeRafael van der Vaart

Golz fragt ... Rafael van der Vaart und Khalid Boulahrouz

Donnerstag, 1. Juni 2006

Sie sind zwei feste Größen im WM-Team der Niederlande - aber sie spielen beim Nachbarn Deutschland, genauer beim HSV. Was denken die beiden holländischen Nationalspieler über die WM-Chancen des deutschen Teams. Wolfgang Golz hat die beiden gefragt.

Herr Boulahrouz, Herr van der Vaart, die schwierigste Frage vorweg: Können Sie bitte erklären, warum Deutschland Fußball-Weltmeister wird?
 
Khalid Boulahrouz: Entschuldigung. Es gibt keine Erklärung, warum Deutschland Weltmeister werden sollte.
 
Rafael van der Vaart: Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Deutschland Weltmeister wird. Wenn es doch so kommen sollte, müssten wohl höhere Mächte im Spiel sein. Obwohl – wenn man länger über diese Frage nachdenkt, bekommt man schon ein komisches Gefühl in der Magengegend. Auf jeden Fall wird das ganze Land hinter der Mannschaft stehen, sollte sie die ersten Spiele gewinnen. Und davon ist bei der einfachen Gruppe ja auszugehen. In der K.o.-Runde kann dann ja bekanntlich alles passieren. Heißt es hier nicht immer, dass die Deutschen eine Turniermannschaft sind? Trotzdem: Deutschland wird nicht Weltmeister.
 
Woran denkt man als holländischer Spieler bei Fußball und Deutschland zuerst: Das 1974 verlorene WM-Finale oder an den Sieg im EM-Halbfinale von 1988?
 
van der Vaart: Diese Frage ist mir schon häufig gestellt worden. Ich glaube, dass viele Menschen in meiner Heimat die Niederlage im 74er-Finale noch nicht verarbeitet haben. Es heißt immer: Wir waren doch die bessere Mannschaft. Mein Vater sagt das auch. Ich war zum Zeitpunkt dieses Spieles noch gar nicht geboren, kann es deswegen schlecht beurteilen. Den Sieg im 88er-Halbfinale habe ich noch in Erinnerung. Marco van Basten hat das Siegtor geschossen. Diese Geschichte hat mich ja mittlerweile eingeholt. Das Spiel hat damals in Hamburg stattgefunden.
 
Boulahrouz: Ich habe beide Spiele irgendwann mal auf Video gesehen, das war’s. Auch das Spiel bei der WM 1990 in Italien. Es waren immer sehr spannende Duelle, geprägt von der großen Rivalität zwischen diesen beiden Fußballnationen. So wird es auch in Zukunft bleiben. Deutschland gegen Holland ist immer etwas ganz Besonderes.
 
Sie sind nach Deutschland gekommen, und Ihre Karrieren haben einen richtigen Schub bekommen. Ist Deutschland für Sie ein spezielles Pflaster?
 
Boulahrouz: Ich habe dem HSV und meinem Wechsel nach Deutschland viel zu verdanken. Deswegen habe ich kürzlich auch meinen Vertrag hier verlängert. Eigentlich bedarf es bei einem WM-Turnier keiner zusätzlichen Motivation mehr. Aber dass dieses Turnier hier stattfindet, ist natürlich noch mal ein besonderer Ansporn.
 
van der Vaart: Für mich ist es ein Traum, dass die WM in Deutschland, meiner fußballerischen Wahlheimat, stattfindet. Ich habe die Atmosphäre in den WM-Stadien schon kennen gelernt, es ist fantastisch. Sicher wird mir das einen zusätzlichen Schub geben. Leider wird es für uns kein Spiel in Hamburg geben.
 
Könnten Sie sich vorstellen einmal für Deutschland Fußball zu spielen?
 
Boulahrouz: Machen Sie Spaß?
 
van der Vaart: Stellen Sie sich vor, ich würde kurz vor der WM sagen, dass ich mir auch vorstellen kann, für Deutschland zu spielen. Wahrscheinlich könnte ich dann gleich zu Hause bleiben. Nein, ich kann es mir nicht vorstellen.
 
Mal unabhängig von der ersten Frage: Wer ist warum Ihr WM-Favorit?
 
van der Vaart: Der Top-Favorit ist sicher Brasilien. An einem guten Tag wird diese Mannschaft kaum zu stoppen sein. Da sind großartige Individualisten am Werk, die aber auch kämpfen und als Team zusammenhalten können. Danach kommen Mannschaften wie Italien, Spanien, England, Frankreich, Argentinien, Deutschland und Holland.
 
Khalid BoulahrouzFoto: picture alliance / dpaKhalid Boulahrouz
Boulahrouz: Jeder wird Brasilien nennen. Aber im Fußball kommt es oft anders als man denkt. Deswegen sage ich Holland! Wir gehen mit der Überzeugung an den Start, es wirklich schaffen zu können. Wer nicht an den Titel glaubt, kann gleich wegbleiben.
 
Nürnbergs Trainer Meyer hat mehrere Jahre im holländischen Fußball gearbeitet. Sein Fazit lautet: In Holland sind die Spieler so verliebt in ihren schönen Fußball, dass sie die Effektivität vergessen. Ist das so?
 
Boulahrouz: So weit ich informiert bin, arbeitet Herr Meyer schon seit einigen Jahren nicht mehr in Holland. Sie können ihm ausrichten, dass sich in letzter Zeit einiges geändert hat.
 
van der Vaart: Hans Meyer hat gerade Nürnberg von einem Abstiegsplatz ins Mittelfeld der Tabelle geführt. So einem Mann darf man eigentlich nicht widersprechen. Trotzdem kann ich seine Meinung nicht teilen. Ich finde sie überholt. Es ist doch nicht so, dass wir den Ball ein bisschen hochhalten und am Ende sechs Gegentore kassieren. Unser Spiel ist offensiv ausgerichtet, das ist korrekt. Aber auch taktisch und kämpferisch sind wir absolut auf Augenhöhe mit anderen europäischen Top-Mannschaften.
 
Was macht die leichtfüßige Eleganz des holländischen Fußballs aus, die dem deutschen Fußball fehlt?
 
van der Vaart: Man kann Leichtfüßigkeit und Eleganz nicht auf eine ganze Nation übertragen. In Holland gibt es auch Kämpfer, die weniger gut mit dem Ball umgehen können, aber dennoch wichtige Bestandteile ihrer Mannschaften sind. Vielleicht haben wir momentan die besseren Einzelspieler. Aber ausschlaggebend muss das am Ende nicht unbedingt sein. In Holland wird sicher mehr mit dem Ball trainiert. Als ich zum HSV kam, musste ich mich erst mal an das harte Konditionstraining gewöhnen. Aus Amsterdam kannte ich das in dieser Form nicht.
 
Boulahrouz: Wir spielen auch nicht immer leichtfüßig und elegant. Ich kann Ihnen versichern: Wenn es darauf ankommt, können wir auch dazwischen hauen. Die Deutschen kämpfen ja auch nicht nur. Im letzten WM-Finale haben sie trotz der Niederlage besser gespielt als die Brasilianer.
 
Herr Boulahrouz, Sie haben afrikanische Wurzeln - spielen Afrikas Mannschaften den Fußball der Zukunft?
 
Boulahrouz: Das wird schon seit Jahren angenommen. Aber bislang hat noch keine afrikanische Mannschaft den WM-Titel geholt. Das wird sich auch in diesem Jahr nicht ändern.
 
Herr van der Vaart, Rudi Völler meint, Holland gehört nicht zu den WM-Favoriten. Wie finden Sie das?
 
Van der Vaart: Wenn er so denkt. Rudi Völler meinte vor zwei Jahren in Portugal auch, dass Deutschland Europameister wird.
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Rafael van der Vaart, 24, spielte bereits mit 17 Jahren für die Profis von Ajax Amsterdam. Beim Hamburger SV schaffte er den Sprung in die europäische Spitzenklasse. Hollands Fans hoffen, dass der geniale und torgefährliche Regisseur die „Oranjes“ zum WM-Titel führt.
 
Khalid Boulahrouz, 24, ist einer der härtesten Abwehrspieler der Bundesliga. Durch seine Leistung beim HSV sicherte er sich endgültig einen Platz in Hollands Nationalelf.

Sportjournalist Wolfgang Golz im Portrait