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Interviews
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 picturealliance/dpaWolfgang Overath

Unsere Weltmeister: Wolfgang Overath im Gespräch

Mittwoch, 10. Mai 2006

1954 - 1974 - 1990: Magische Zahlen des deutschen Fußballs. Wie sehen die WM-Helden von damals die Chancen ihrer jungen Nachfolger von heute? Zum Auftakt unserer Gesprächsreihe mit den Weltmeistern dieser Jahre spricht der bekannte Sport-Journalist Wolfgang Golz mit Wolfgang Overath, der 1974 in München Fußballweltmeister wurde.

Wolfgang Overath – 62 Jahre alt, Fußballweltmeister von 1974. Immer noch hat er dieses Tempo in seinen Aktionen, dieses leicht Gehetzte, immer noch: ein Spieler. Er ist derzeit auch gefragt und gefordert wie selten. Overath ist Präsident des 1. FC Köln, ehrenamtlich. "Ich habe wirklich Spaß daran", sagt er, als müsse er überzeugen. "Ich bekomme ja kein Geld dafür. Wenn ich Geld bekäme, wäre schon wieder Druck da." Was das Vergnügen reduzierte. Vom Präsidentenstuhl seines Büros hat er freien Blick auf die Trainingsplätze. Das Grün des Rasens sollte ja eigentlich beruhigend wirken. Die Sekretärin ist nicht greifbar, so serviert er selbst den Kaffee. Er sitzt noch nicht richtig, da schießt er schon los: "Was willst du wissen?"
 
Die erste Frage dieser Interviewserie lautet immer gleich: Warum wird Deutschland in ein paar Wochen Weltmeister?
 
Wolfgang Overath: Das ist unerhört schwer zu sagen, wer Weltmeister wird.
 
Das ist auch nicht die Frage: Warum wird Deutschland Weltmeister?
 
Die Frage müsste besser lauten, warum wir eine Chance haben, Weltmeister zu werden. Weil wir zu Hause spielen, weil wir eine WM in Deutschland mit starken Emotionen erleben werden. Ich hoffe das Publikum wird, es muss der zwölfte Mann werden, damit die Begeisterung auf die Mannschaft durchschlägt. Brasilien, Argentinien, Frankreich, Italien und England sind die Favoriten. Doch auch wir können Brasilien an irgendeinem Tag schlagen. Wir können sie nicht dreimal nacheinander schlagen, aber einmal. Und wenn das dann das Halbfinale oder Finale wäre …
 
Was wird bei einem sofort wieder wach, wenn es in der Erinnerung um den WM-Sieg mit 2:1 im Finale über Holland geht?
 
 picturealliance/dpaWolfgang Overath
Ich war 1970 WM-Dritter in Mexiko mit dem Jahrhundertspiel gegen Italien (3:4 n. V. verloren, d. Red.). Und was haben wir ertragen im WM-Finale 1966 mit dem Wembley-Tor? Das waren großartige Erfolge, und wir haben dem deutschen Fußball damit viel gegeben. Aber das ist alles nichts gegen den WM-Titel, der ist für die Ewigkeit.
 
Für den Spieler Overath sah es vor der WM jedoch nicht so rosig aus.
 
Ich war schon 30 und hatte in der Saison eine schwere Zeit gehabt. Und nach der sensationellen EM 1972 war eigentlich klar, dass Günter Netzer auf meiner Position spielt. Ich war oft an dem Punkt, dass ich gedacht habe: Wolfgang, hör auf. Doch bei der Vorbereitung in der Sportschule von Malente ist es plötzlich von einem Tag auf den anderen gelaufen. Und mit jedem Spiel sehnte man sich mehr nach dem großen Ziel: Weltmeister zu werden.
 
Und als es dann geschafft war?
 
Als der Schiedsrichter - ich glaube er hieß Taylor – abpfiff, machte sich das absolute Glücksgefühl breit: Ich hatte die absolute Krönung erreicht. Dass die Spielerfrauen dann nicht zum WM-Bankett durften, hat mich im Grunde gar nicht interessiert. In diesem Augenblick des unbeschreiblichen Glücks habe ich ganz rational eine Entscheidung getroffen: Wolfgang, auf diesem Höhepunkt trittst du als Nationalspieler zurück.
 
Ein Weltmeister wird unsterblich
 
Was macht den besonderen Wert des Titels aus?
 
Der große Unterschied ist, wenn du Zweiter und Dritter warst, das vergessen die Leute sehr schnell. Wer könnte heute noch die Mannschaftsaufstellung des WM-Finales von 1966 nennen? Aber wenn du ein Endspiel gewonnen hast, wirst du unsterblich. Und von dem Titel lebst du auch in der Zukunft und hast viele Vorteile über den Fußball hinaus.
 
Was kann man den Spielern von heute für die WM raten?
 
Sie müssen versuchen, mit Biss und Begeisterung in das Turnier gehen, um die Menschen auf ihre Seite zu ziehen. Und bis zur letzten Kraftanstrengung zu kämpfen. Dann gewinnt der Fußball und du selbst als Spieler gewinnst auch. Es gibt kein größeres Ziel als die WM.
 
Könnte Deutschland nach dem "Wunder von Bern" 1954 jetzt ein "Wunder von Berlin" gebrauchen?
 
Der Titel hat Deutschland damals unheimlich viel gegeben. Wir waren ja nicht das, was wir heute sind. Wir waren auch sportlich der absolute Außenseiter gegen die übermächtigen Ungarn – und wir haben es dennoch geschafft. Das hat bei den Menschen ein unglaubliches Selbstbewusstsein für den Wiederaufbau nach dem Krieg bewirkt. Der Fußball, sonst Nebensache, wurde so zu einer Hauptsache.
 
Einmal abgesehen vom Geld – hätte der Fußballer Overath lieber heute als in den 60er und 70er Jahren gespielt?
 
Geld – für die damalige Zeit habe ich schon sehr viel verdient. Und ich möchte keinen Tag von damals missen. Doch ich hätte gerne früher und heute gespielt, ich wäre gerne jung geblieben. Denn der Fußball hat eine solche Kraft, eine gewaltige Dimension bekommen. Wenn man allein die vielen großartigen Stadien sieht. Ja, ich würde gerne noch mal 20 sein. Doch ich muss dem Herrgott danken, dass er mir diese Talente gegeben und mich auf die Sonnenseite der Welt gestellt hat: privat, sportlich und geschäftlich. Ich bin ja in bescheidenen Verhältnissen als jüngstes von acht Kindern aufgewachsen. Ich habe den Fußball früh als Chance gesehen, mich nicht so quälen zu müssen wie meine Eltern. Ich habe soviel Glück gehabt, verdammt noch mal.
 
Was denkt man als ehemaliger Superstar und jetziger Club-Präsident, wenn ein junger Fußballer mit eher bescheidenen Fähigkeiten eine Millionengage fordert?
 
Das ist schon schwierig, wenn man aus einer anderen Zeit kommt mit einer anderen Einstellung zum Geld. Ich nenne ein Beispiel: Der 1. FC Köln hat eine großartige Bonität. Wir würden jederzeit 30 Millionen von einer Bank bekommen, um das Geld in Spieler zu investieren, am Ende aber vielleicht nicht den großen Erfolg haben. Doch das ist nicht meine Welt, das brächte ich nicht übers Herz. Wer diese Mentalität hat, für den ist es schwer.
 
Athletisch und schnell: Der moderne Fußball
 
Wenn man die Zeit von 1974 mit heute vergleicht: Wie sehr hat sich der Fußball verändert?
 
1974 haben wir schon gedacht, die Medien machen alles verrückt. Aber im Vergleich zu heute war das ja gar nichts. Der Fußball ist topp positioniert, hier dreht sich seit zwei Monaten schon alles um die WM.
 
Und taktisch, technisch?
 
Ich habe ja noch die Zeit erlebt, als es einen Mittelläufer gab, den Ausputzer. Er wurde zum freien Mann in der Abwehr. Der Libero wurde von der Viererkette abgelöst. Man spielt heute sehr variabel und nicht so stur wie früher. Das Spiel ist sehr viel schneller geworden und von Kraft geprägt. Es bleibt keine Zeit mehr für Technik. Wer etwas langsamer ist, hat heute keine Chance mehr.
 
Und Spieler wie Netzer oder Beckenbauer?
 
Mit dem Stand von damals könnten sie heute nicht diese dominante Rolle spielen. Aber mit dem Training von heute wären sie auf Grund ihrer fußballerischen Vermögen genauso überragend. Doch es hat sich vieles geändert. Den Mannschaften fehlen die großen Figuren wie in den 70er Jahren: Pele, Riva, Rivera, Bobby Charlton, Franz Beckenbauer – jede Mannschaft hatte herausragende Persönlichkeiten. Sie haben dem Fußball gut getan. Heute präsentiert sich das Spiel letzten Endes mit Kraft, Athletik und Spannung.
 
Unter Bundestrainer Sepp Herberger waren die 54er Freunde. 1974 waren Günter Netzer und Wolfgang Overath im Kampf um den Posten des Regisseurs eher Feinde – oder?

Nein, wir konnten zwischen der Rivalität auf dem Platz und privat unterscheiden. Wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis. Das hat bis heute gehalten. Doch die 1954er Philosophie ist bis heute möglich. Es sieht nur anders aus. Ich bin in der Lage, ein wirkliches Team zu bilden, wenn ich bereit bin, alles für den anderen zu tun. Das Erreichte bedeutet dann im Ergebnis das Gleiche wie 1954.


 
>> Wolfgang Golz im Portrait

Anhängerin der kamerunischen Nationalmannschaft, darunter zahlreiche Deutschlandfahnen und -fans