Interviews
Foto: REGIERUNGonline / BergmannChristoph Metzelder
Golz fragt ... Christoph Metzelder
Montag, 27. Februar 2006
Der bekannte Sport-Journalist Wolfgang Golz fragt an dieser Stelle regelmäßig prominente Fußballspieler, Trainer, Fans und Experten nach ihren Erwartungen an die WM 2006 in Deutschland. Diesmal spricht er mit Nationalspieler Christoph Metzelder über die Stärken der deutschen Mannschaft, Verletzungspausen und das Glück, danach wieder Fußball spielen zu können.
Herr Metzelder, die erste Frage an alle Gesprächspartner dieser Interviewserie lautet immer gleich: Warum wird Deutschland im Juli Fußball-Weltmeister?
Ich glaube, dass große Turniere nicht unbedingt von der Mannschaft mit der größten Qualität gewonnen werden. Man muss topfit auf den Punkt sein und Glück haben. Unsere Mannschaft verfügt über einen starken Teamgeist und wir haben ein unheimlich gutes Publikum. Aus diesem Zusammenspiel kann sich eine Eigendynamik entwickeln, die uns erfolgreich durch das Turnier trägt.
Spüren Sie bereits die Vorboten der WM, das steigende Interesse am Fußball durch die WM?
Man merkt langsam wie der Focus auf einzelne Spieler und ihre Leistungen gerichtet wird, fast wöchentlich erscheinen Form-Barometer. Von außen, auch durch die Medien, nimmt der Druck zu. Wir Spieler sind jedoch mehr mit der Vereinsmannschaft beschäftigt. Denn die Basis für eine gute WM wird in der täglichen Arbeit, in der Bundesliga und im Europacup gelegt.
Sie waren sehr lange an der Achillessehne verletzt. Gab es Momente, in denen Sie gedacht haben: Ich schaffe es nicht mehr?
Nach fast zwei Jahren, als eine mögliche dritte Operation drohte, war ich schon an dem Punkt angekommen, kaum noch an eine Rückkehr zu glauben. Als ich dann wieder spielen konnte, war das für mich ein großes Geschenk. Ich habe es nie so genossen, Fußballprofi zu sein.
Sie kehrten auch schnell in die Nationalelf zurück und wurden nach dem 1:0-Sieg über China gefeiert: Metzelder war wieder da, und die wackelige Abwehr steht plötzlich betonfest.
Dieses Spiel war ein großer emotionaler Moment für mich. Aber ein Messias bin ich nicht. Die Leute sehen mich als Hoffnungsträger, das tut schon gut. Auch die Dortmunder Fans haben mir signalisiert: Wir brauchen dich. Da kamen ernorme Erwartungen. Deshalb war das Spiel gegen China wichtig, zu demonstrieren, ich kann helfen.
Manchem Athleten hat eine längere Wettkampfpause durchaus gut getan, um ein frühzeitiges Ausbrennen – man denke nur an Skispringer Hannawald - zu verhindern. Ging Ihnen das auch so?
Ein überstrapazierter Körper gibt schon von sich aus Warnsignale und nimmt sich seine nötigen Auszeiten, notfalls über Verletzungen. Ein Durchschnaufen kann schon mal gut sein – aber nicht 21 Monate wie bei mir. Der Körper muss sich anschließend auch wieder an die hohen Belastungen gewöhnen. Da zwickt es schon mal. Zum Glück hatte ich keine wirkliche Folgeverletzung. Es war eine Überraschung, essentiell zu wissen, keine Beschwerden zu haben. Und mit jedem Monat fühle ich mich körperlich besser.
Haben Sie je als Kind je davon geträumt, jetzt bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land dabei sein zu dürfen?
Ich glaube, als kleiner Junge träumt man sowieso davon. Und mittlerweile träumen die kleinen Mädchen auch davon. Die Nationalelf ist für alle das Größte. Ich habe die Nationalelf damals natürlich verfolgt. Aber als Fußballer bin ich ein Spätstarter. Ich bin erst über die 3. Liga, über Preußen Münster, in die Bundesliga gekommen.
Gab es Idole?
Ja, Karl-Heinz Förster, witzigerweise auch ein Abwehrspieler. Als Kindergartenkind habe ich einmal ein Foto, so ein Paninibild, von ihm auf dem Fußweg gefunden. Seitdem wollte ich Fußballer werden. Mein Vater wollte mich mehr in die Richtung Leichtathletik führen.
Sind Sie Karl-Heinz Förster mal direkt begegnet?
Nicht bewusst. Aber eine Internet-Redaktion hat mir mal zu meinem Geburtstag ein Foto mit Unterschrift von ihm geschenkt. Das war ein schönes Geschenk.
Sie waren sehr jung schon Kapitän von Borussia Dortmund. Was prädestinierte Sie dafür?
Ich glaube ich war mit 22 Jahren der jüngste Kapitän in der Bundesligageschichte. Doch wegen meiner Verletzung habe ich nie mit der Kapitänsbinde gespielt. Für unseren damaligen Trainer Matthias Sammer war es der Versuch, die junge Spielergeneration mit diesem Signal in die Verantwortung zu nehmen. Rosicky war die Nummer 2 und hat ja auch als Kapitän gespielt. Es war sehr früh. Die jetzige Lösung mit Christian Wörns als erfahrenem Spieler ist wohl sinnvoller.
Moderne Fußballer stehen unter ständiger Beobachtung durch die Öffentlichkeit. Wie schaffen Sie das?
Es gehört zum Profi-Fußball, dass man in der Öffentlichkeit steht und mit diesem Instrument zu spielen lernt. Es gibt eine Verpflichtung gegenüber den Fans, den Medien und den Sponsoren. Dort wird so viel Geld umgesetzt, da kann man sich nicht völlig verschließen. Die jungen Spieler sind damit aufgewachsen, sie nehmen das ziemlich relaxed. Mir verschaffen zum Beispiel Sponsorentermine Einblicke, die ich sonst nicht bekommen hätte. Aber manchen Auftritt hätte man vor zehn Jahren so nicht mitgemacht. Doch Borussia Dortmund ist derzeit eher in einer defensiven Rolle. Da sollte man besonders kooperativ sein.
Ihr Verein hat schwere Zeiten durchgemacht, inklusive drohendem Finanzkollaps. Wie sehr berührt Sie das als Spieler?
Es war ein Schock, weil es ja schon in der Zeit begann, als wir große Erfolge und herausragende Einzelspieler hatten und den Europacup und die Deutsche Meisterschaft gewannen. Wir als Mannschaft wurden nicht informiert, viele Halbwahrheiten gingen an die Presse. Das diskutiert man in der Mannschaft. Dabei braucht der Sportler eine positive Stimmung, damit Erfolg wachsen kann. Bei uns kursierten Gerüchte um Finanzprobleme und Wechsel von Spielern, und dann ist die Mannschaft auch abgestürzt. Da kann man schon einen konkreten Zusammenhang sehen.
Wie wirkt die teilweise abgöttische Verehrung der Fans auf Sie?
Für mich ist das grenzwertig. Mein privater Bereich beginnt, wenn ich das Trainingsgelände verlasse und nach Hause fahre. Sonst habe ich immer ein offenes Ohr. Die Menschen sind sehr herzlich, sie nehmen einen mit offenen Armen an. Sie nehmen aber auch in Anspruch, ernst genommen zu werden.
Was denkt man als Spieler der Nationalelf angesichts der Erfolge der deutschen Damen? Die sind schon Weltmeister…
Ich bin ein großer Fan der Mädels. Ich habe das WM-Finale mit Spannung am Fernsehen verfolgt, und wir sind ja auch gemeinsam vom Bundespräsidenten geehrt worden. Für sie ist es heute leider immer noch viel schwerer, Leistung bringen zu können als bei uns. Sie müssen immer noch um Anerkennung kämpfen. Wenn ich dagegen sehe, wie der Frauen-Fußball in den USA gefördert wird, das ist schon etwas anderes.
Was tun Sie bei ihrer sehr körperlichen Tätigkeit für den Kopf?
Lesen.
Und was?
Ich lese querbeet. Zurzeit „Rausch“ von John Griesemer.
Die deutsche Mannschaft startet gegen Costa Rica in die WM – der richtige Auftaktgegner für Ihren Geschmack?
Die letzten Turniere starteten durchaus überraschend. Bei den allgemeinen Erwartungen wäre es vielleicht besser gewesen, gegen Polen zu beginnen. Wenn man an die vielen Prognosen denkt: Wie viele Tore wir gegen Costa Rica schießen sollen? Ein großer Sieg kann natürlich große Begeisterung auslösen. Wenn ich an die WM 2002 denke: Wir waren kritisiert worden, wir hätten keine Chance. Dann zum Auftakt das 8:0 gegen Saudi-Arabien. Das hat einen gewaltigen Schub ausgelöst. Wir sind ins Hotel gefahren und haben uns alle gefragt: „Was ist hier eigentlich passiert?“
So kann es gerne wieder kommen – oder?
Klar.
Haben Sie eigentlich schon WM-Tickets für Freunde oder Verwandte?
Nein. In der Nationalelf führen wir noch intern Gespräche. Es soll so schnell wie möglich geregelt werden, weil in der Sache ein gewisses Ablenkungspotenzial liegt.
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Christoph Metzelder wurde am 5. November 1980 in Haltern/Westfalen geboren. Sein Abitur bestand er mit der Durchschnittsnote 1,8. Fußball spielte er beim TuS Haltern, FC Schalke 04, Preußen Münster und seit 2000 bei Borussia Dortmund. Mit 1,93 Metern Größe ist er der ideale Typ des Abwehrspielers, mit 74 Prozent gewonnener Kopfballduelle die Nr. 1 in der Bundesliga. Mit 20 Jahren debütierte er als Fußball-Profi, mit 22 war er bereits Deutscher Meister und Vize-Weltmeister. Metzelder bestritt bisher 17 Länderspiele.
Sport-Journalist Wolfgang Golz im Portrait
