Interviews
Unsere Weltmeister: Horst Eckel im Gespräch
Freitag, 21. April 2006
1954 - 1974 - 1990: Magische Zahlen des deutschen Fußballs. Wie sehen die WM-Helden von damals die Chancen ihrer jungen Nachfolger von heute? Zum Auftakt unserer Gesprächsreihe mit den Weltmeistern dieser Jahre spricht der bekannte Sport-Journalist Wolfgang Golz mit Horst Eckel, der 1954 in Bern jüngster deutscher Fußballweltmeister wurde.
Horst Eckel tritt ins Hotel-Foyer, schlank wie eine Birke, das leichte O der Beine deutet auf seine frühere sportliche Passion hin: Fußballer. Eckel, 74 Jahre, ist Weltmeister von 1954. Damals war er mit 22 Jahren der Jüngste. Er schaut auf seine Uhr. „Pünktlich auf die Minute“, lächelt er, „sogar auf die Sekunde.“ Ja, sagt er, Pünktlichkeit sei wichtig, wie auch Disziplin, und er meint Selbstdisziplin. „Wir sollten uns auf bestimmte Tugenden zurückbesinnen.“ Ein Mann der alten Schule. Jetzt ist er als Experte und Zeitzeuge deutscher Fußballerfolge der ersten Stunde gefragt.
Golz: Herr Eckel, warum wird Deutschland im Juli Weltmeister?
Das kann ich leider nicht sagen. Da muss ich ein Fragezeichen dransetzen. Wir haben eine ganz junge Mannschaft. Aber die Mannschaft ist noch keine Mannschaft. Die Erfahrung fehlt. Die WM kommt mindestens zwei Jahre zu früh. Deshalb wird sie es schwer haben, Weltmeister zu werden.
Ein krasser Außenseiter
Die 54er Mannschaft war auch nicht gerade als Favorit zum WM-Turnier in die Schweiz gereist.
Wir waren krasser Außenseiter, sogar mehr noch als die heutige Mannschaft. Doch im Fußball kann viel passieren. Es würde mich freuen, wenn es nach dem Wunder von Bern ein Wunder von Berlin geben würde.
Die WM im eigenen Land – wie macht sich das bei Ihnen bemerkbar?
Seit zwei Jahren, seit dem Film „Das Wunder von Bern“, bin ich ständig unterwegs und kann gar nicht alle Termine wahrnehmen. Ich bin vielleicht zwei Tage in der Woche daheim. Da ist es schön, wenn man mal einen ruhigen Tag hat. Aber dann kommen Leute, die klingeln an der Tür, die wollen ein Buch oder haben ein Hemd dabei, das ich unterschreiben soll. Das ist schon unangenehm.
Und die Autogrammjäger haben sie auch wieder entdeckt?
Täglich mindestens ein halbes Dutzend. Was da für Wünsche dabei sind – da kann man nur mit dem Kopf schütteln. Manchmal bekomme ich ein Kuvert mit 50 – 60 Bildern. Die soll ich nicht nur unterschreiben, sondern oft noch mit Widmungen versehen. Einen Gruß zum Geburtstag von Opa und so weiter.
Auf dem Boden geblieben
Was hat Sie denn am Sieg vom 1954 am meisten geprägt?
Alle diese Werte zu besitzen, um ganz nach vorne zu kommen. Bundestrainer Sepp Herberger hat sie von uns nicht verlangt, er hat sie vorgelebt. Deshalb ging das automatisch. Wir sprachen ja schon über Pünktlichkeit. Nach dem Titel hat sich vieles verändert, wir sind in Kreise vorgestoßen, in die wir sonst nie gekommen wären. Politiker haben wir kennen gelernt, andere Sportler. Es hat sich für mich viel verändert, aber es hat mich nicht verändert. Schon als junger Spieler beim 1. FC Kaiserslautern habe ich mir vorgenommen: Horst, wenn du mal etwas erreicht hast, denk daran, wo du herkommst. Bleib auf dem Boden.
Was verankerte sich besonders fest in Ihrer Erinnerung?
Der Augenblick des Abpfiffs, als wir endlich Weltmeister waren. Und die Tatsache, eine Mannschaft gehabt zu haben, die zusammen gehalten hat. Ich behaupte noch heute, ohne diese Kameradschaft wären wir nicht Weltmeister geworden.
Moralische Mahner fordern heute eine geistige Wende – zum Beispiel zurück zur Familie. Kann es ein Zurück geben zum Ideal von „Elf Freunde müsst ihr sein“?
Ich hoffe, dass die Jungs von heute den Weg gehen. Aber das ist eine andere Generation, da muss ich ein Fragezeichen setzen. Ich weiß nicht, ob sie den Weg finden werden und wollen. Der Wille zu kämpfen ist wichtig. Wenn der nicht da ist, hilft es nichts, das größte Talent zu sein.
Geld spielte keine Rolle
Als Sie Weltmeister wurden, gab es als Prämie einen Schwarz-Weiß-Fernsehen und einen Motorroller. Diesmal sind 250.000 Euro ausgelobt.
Geld hat bei uns keine Rolle gespielt. Wir sind in die Schweiz gefahren, um gute Spiele zu machen und nicht, um Geld zu verdienen. Wir haben uns über jede Kleinigkeit gefreut. Obwohl der Fernseher und der Roller keine Kleinigkeit waren.
1954 verlor Deutschland das erste Spiel gegen die Ungarn 3:8, und im Finale waren die übermächtigen Ungarn erneut der Gegner. Laut Sepp Herberger war nicht Weltstar Ferenc Puskas deren überragender Spieler sondern Sandor Hidekuti. Und dann bestimmte er Sie, den Jüngsten, zum Gegenspieler. Rutscht einem da nicht das Herz eine Etage tiefer?
Nein, im Gegenteil, es war ein Ansporn. Ich war stolz, denn das war ein großer Vertrauensbeweis, dass ich es versuchen durfte, den Weltklassespieler auszuschalten. Das ist nicht immer gelungen. Aber Herberger wusste, dass ich gute Nerven hatte und immer versuchte, mindestens 100 Prozent zu geben. Deshalb bin ich im Fußball ja auch so schnell groß geworden: in fünf Jahren von der C-Klasse zum Weltmeister.
Und heute sind Sie ein lebendes Denkmal. Wie fühlt man sich in der Rolle?
Ich bin ja einer der wenigen von damals, die noch leben (neben Ottmar Walter und Hans Schäfer; d. Redaktion) und noch geistig und körperlich fit. Es ist so, wo man hinkommt, wird man freundlich begrüßt, das ist etwas, was Freude bringt. Dass man noch über 50 Jahre danach noch an uns denkt ...
Selbst ernsthafte Historiker bestätigen, der WM-Sieg von 1954 sei ein Treibsatz für den Aufschwung im Nachkrieg-Deutschland gewesen, der dann Wirtschaftswunder genannt wurde.
Der Sieg hat vielleicht ein bisschen Anstoß gegeben. Aber es war schon so, dass die Leute es so empfanden: Nicht nur die elf Spieler des Endspiels oder die 22 des WM-Kaders waren Weltmeister geworden. Das Gefühl war: Wir sind Weltmeister. Alle.
So intensiv war die Stimmung nicht 1974, nicht 1990 – auch nicht 2003, als unsere Frauen Weltmeister wurden. Was halten Sie denn von dem Spiel der Damen?
Ich habe den Frauen-Fußball von Anfang an unterstützt. Wenn in den 70ern im Nachbarort gespielt wurde, bin ich schon hingegangen. Doch ehrlich, als es damals auf den Dörfern begann, habe ich manchmal gedacht: Oh Gott, nur das nicht. Aber das Spiel hat sich schnell geändert, und die Qualität hat sich enorm verbessert. Die Nationalelf spielt schönen Fußball und ist Europa- und Weltmeister. Das kann man sich gut anschauen.
Herr Eckel, Sie gehören sicher zu den Glücklichen, die WM-Ticket haben?
Wir Weltmeister bekommen natürlich Karten. Ich erhalte welche für die fünf WM-Spiele in Kaiserslautern und bin auch zum Eröffnungsspiel und zum Finale eingeladen worden. Für die Spiele der Deutschen hätte ich auch noch Tickets bekommen können. Aber das wäre dann doch zu viel geworden.
Vielleicht sehen Sie die deutsche Nationalelf ja nicht nur im Eröffnungs-, sondern auch im Endspiel?
Das wäre phantastisch.
Horst Eckel wurde am 8. Februar 1932 im pfälzischen Vogelbach geboren. Bereits mit 17 Jahren spielte er in der ersten Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern. Der Außenläufer bestritt 214 Ligaspiele und erzielte 34 Tore. Zweimal gewann er mit Kaiserslautern die Deutsche Meisterschaft (1951 und ´53). Er bestritt 32 Länderspiele und wurde 1954 Weltmeister, 1958 WM-Vierter. Seine Laufbahn als Fußballer beendete er 1966 bei Röchling Völklingen. Ursprünglich Mechaniker, begann Eckel noch mit 37 Jahren ein Pädagogikstudium und arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Realschullehrer. Heute ist Horst Eckel u. a. Repräsentant der Sepp-Herberger-Stiftung: „Das ist eine große Ehre für mich.“
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