picture-alliance/dpa/OssingerAnthony Baffoe
Golz fragt ... Anthony Baffoe
Mittwoch, 14. Juni 2006
Anthony Baffoe war einer der ersten schwarzafrikanischen Spieler der Bundesliga. Für die Mannschaft seiner Heimat Ghana sieht er bei der WM gute Chancen für das Erreichen des Achtelfinales. Und Deutschland rät er: Seid nicht so pessimistisch!
Herr Baffoe, Sie sind als Ghanaer mit Profi-Erfahrung in der deutschen Bundesliga ein ausgewiesener Experte für Europa und Afrika. Welche Chancen hat Ghana nach Ihrer fachlichen Einschätzung? Und welche die anderen afrikanischen Teams?
Ghana hat eine sehr gute Mannschaft und alle Hoffnungen auf die zweite Runde der WM – trotz unseres etwas unglücklichen Starts gegen Italien. Und ab der zweiten Runde sind alle Überraschungen möglich. Die Elfenbeinküste schätze ich trotz des 1:2 zum Auftakt sehr stark ein. Sie spielt gut organisiert, europäisch. Angola, Tunesien und Togo sollte man nicht unterschätzen.
Wie sehen Sie das Leistungsvermögen von Deutschland, Ihrer zweiten Heimat? Was kann die Mannschaft erreichen?
Ich kann den Pessimismus der Deutschen nicht verstehen. Das 4:2 gegen Costa Rica hat daran aber zum Glück einiges verändert. Gut, man hat nicht die Mannschaft wie in früheren Jahren. Aber die Gruppe ist leicht. Dann der Heimvorteil. Schweinsteiger und Poldolski spielen sehr unbekümmert auf. Sie werden sich enorm weiterentwickeln und bei der WM den Durchbruch schaffen. Man spürt, sie freuen sich richtig auf die WM. Schweinsteiger hat schon südamerikanische Tugenden in Technik und Spielfreude.
Sie waren einer der ersten Botschafter Afrikas im deutschen Fußball. Was haben sie prägend mitgenommen?
Ich habe in Deutschland gelernt, dass man hier als Schwarzer zweimal so gut sein muss. Mein Teamkollege Toni Schumacher, Nationaltorwart des 1. FC Köln, hat mir das direkt gesagt: „Tony, du bist schwarz, du musst doppelt so viel leisten, um anerkannt zu werden.“ Es ist wie mit den Frauen, die müssen auch weit besser sein als Männer, um Karriere zu machen. Eine mittelmäßige Leistung von mir hat nie gereicht. So habe ich zu kämpfen gelernt. Dazu Disziplin. Das gepaart mit meiner afrikanischen Lockerheit, war eine ganz gute Mischung. Ich musste aber auch gegen andere Sachen ankämpfen, gegen dumme Sprüche wie: ,Hey, warst du zu lange auf der Sonnenbank?´ Da muss man mental sehr stark sein.
Woran erinnern Sie sich ungern?
Wie man mich mit Bananen beworfen hat. Oder die dummen Sprüchen, von denen ich schon gesprochen habe: ,Husch, husch, husch, Neger in den Busch.´ Oder wenn man als Schwarzer ein schöneres Auto hatte als viele andere, da wurde man oft angehalten. Passkontrollen waren auch komisch. Gut, ich war prominent, bei mir ging alles noch locker ab. Aber wie ist das bei dem unbekannten Studenten? Was den Rassismus betrifft, habe ich da manchmal gemischte Gefühle.
Ihre Stärke in solchen Situationen waren Ihre guten Nerven, Ihr perfektes Deutsch und Ihre Schlagfertigkeit. Legendär ist Ihr Satz zu einem Schiedsrichter, der Ihnen einen Gelbe Karte gezeigt hatte: „Mensch, Schiedsrichter, wir Schwarzen müssen doch zusammenhalten.“
Mit einem Spaß lässt sich vieles überspielen. Ich habe manchen Vorlauten auch mit solchen Bemerkungen gebremst: ,Du bist ja nur neidisch, weil du nicht so gut deutsch sprichst.´
Wie bedeutsam ist es für Sie, dass dunkelhäutige Spieler längst zur deutschen Nationalelf gehören?
Ich sag mal: Wenn ich Ghanas Nationaltrainer wäre, würde Gerald Asamoah jetzt bei uns und nicht für Deutschland spielen. David Odonkor habe ich rüber zu holen versucht, aber leider nicht geschafft. Frankreichs Nationalelf ist total multikulti, was bewirkt hat, dass schwarze Mitmenschen besser angesehen werden.
Die nächste WM findet auf dem afrikanischen Kontinent statt. Wird sich das schon jetzt in besonderen Leistungen der Teams niederschlagen?
Weil die Weltmeisterschaft 2010 bei uns in Afrika ausgetragen wird, müssen wir uns hier sehr gut präsentieren, damit Afrika noch eine weitere Mannschaft bekommt, die an der WM teilnehmen darf. Ich glaube, der afrikanische Fußball ist so stark. Es spielen so viele Afrikaner in Europa. Das hat unser Spiel verändert. Früher wollte man Beinschüsse sehen. Doch heute sind wir gradliniger. Trotzdem wird eine gewisse Verspieltheit zu sehen sein. Ihre Kunststückchen kann man den Afrikanern nicht nehmen.
Afrikanische Spieler vertrauen angeblich oder wirklich auf Medizinmänner und Zauberer. Was erwartet uns da während der WM?
Da muss ich erst sagen, wir Afrikaner sind sehr religiös. Wir beten vor und nach jedem Training. Auf dem Weg zum Spiel singen wir. Unser Glaube ist sehr stark, er hilft, uns von Schmerzen zu befreien. Aber den Gegner zu verzaubern oder ihm etwas Schlechtes zu wünschen – das ist längst vorüber.
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Anthony Baffoe wurde am 25.5.1965 in Bad Godesberg als Sohn eines ghanaischen Diplomaten geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Als Fußball-Profi spielte er in der Bundesliga für den 1. FC Köln und Fortuna Düsseldorf. Erfolge: Platz 3 in der Meisterschaft mit Köln, DFB-Pokalfinale mit dem Stuttgarter Kickers (1:3 gegen den Hamburger SV). Er arbeitete als Moderator für das Deutsche Sportfernsehen (DSF) und fungiert jetzt als Verantwortlicher für internationale Beziehungen für Ghanas Fußballverband, ferner ist er Bindeglied zwischen den Nationalspielern und dem Verband.
Sport-Journalist Wolfgang Golz im Portrait.
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