Bundeskanzlerin Merkel: Deutschland genießt die WM
Donnerstag, 29. Juni 2006
Deutschland feiert mit seinen Gästen eine großartige Fußball-WM. Wenn es weiter so gut läuft, wird unser Land großen Nutzen von dieser WM haben. Es sei eine großartige Idee gewesen, die WM nach Deutschland zu holen, erklärt Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit der Sport-BILD.
Sport-BILD: Frau Bundeskanzlerin, ganz Deutschland ist im schwarz-rot-goldenen Rausch.Wann werden wir Sie mit Fan-Schal im Stadion sehen? Beim Finale mit deutscher Beteiligung?
Bundeskanzlerin Angela Merkel: Ich feiere auch ohne Schal mit.
Seit den Szenen beim 1:0 gegen Polen, als Sie auf der Tribüne außer Rand und Band gerieten, gelten Sie ja als Fußball-infiziert. Stimmt das?
Ich bin schon immer fußballinteressiert und begeistert. Und bei diesem Spiel hatte ich ständig das Gefühl: jetzt muß mal was passieren. So viele Chancen und kein Treffer, dann noch die Lattenschüsse. Deswegen habe ich so reagiert, wie ich reagiert habe.
Haben Sie keine Sehnsucht, einfach mal zu Hause mit Chips und Bier in Ruhe Fußball zu gucken?
Ich habe früher immer Welt- und Europameisterschaften verfolgt und natürlich oft zuhause vor dem Fernseher. Vor allem die spannenden Spiele. Und ich habe in der Bonner Zeit mit Kollegen und Mitarbeitern in einer Gaststätte in Gemeinschaft die Spiele gesehen, weil das ja auch Spaß macht. Eine Flasche Bier hätte ich zu Hause eher nicht neben mir stehen, eher ein Glas Wein und Erdnüsse.
Wirklich?
Warum nicht?
Guckt Ihr Mann mit?
Er guckt auch schon mal mit. Aber tendenziell bin ich fußballbegeisterter als er.
Können Sie ihm Fußball erklären?
Es geht nicht um erklären. Mein Mann versteht selbst etwas von Fußball. Er hat im Gegensatz zu mir ja auch schon selbst Fußball gespielt.
Sie werden oft gefragt, ob sie Abseits oder andere Regeln erklären können. Welche Frage können Sie im Zusammenhang mit Fußball nicht mehr hören?
Als Politiker ist man höflich genug, keiner Frage auszuweichen. Ich finde, das Abfragen der Regeln kann man mit Beginn der Weltmeisterschaft auch für beendet erklären.
In Dortmund und Berlin Stadion hat das ganze Stadion die Nationalhymne mitgesungen. Das gab es in der Form noch nie. Und schon melden sich die ersten, die übertriebenen Patriotismus beklagen.
Wir in der CDU singen auf jeder Veranstaltung zum Schluß die Nationalhymne, auch auf den großen Außenveranstaltungen. Das heißt: Ich bin es gewohnt, mit vielen Menschen die Nationalhymne gemeinsam zu singen. Ich finde es gut, daß auch die Nationalmannschaft die Hymne singt. Und daß so viele Menschen mitgesungen haben, empfinde ich als schön. Ich finde, wir sollten jetzt erst einmal die Zeit der WM genießen und uns freuen. Was unsere Gäste besonders beeindruckt, ist die Begeisterung in den Stadien, auch wenn Deutschland nicht spielt.
Sie haben den Kontakt zur Mannschaft gepflegt, auch ein Mittagessen mit Jürgen Klinsmann unter vier Augen gehabt. Was haben Sie für einen Eindruck von ihm?
Ich glaube, daß er unsere Mannschaft lange und intensiv auf diese WM vorbereitet hat. Er weiß, daß Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein der Spieler sehr wichtig sind. Vieles findet im Kopf statt. Ich habe neulich gelesen, daß die meisten Spiele zwischen der 65. und der 90. Minute entschieden werden. Da ist auch die Konditionsstärke über volle 90 Minuten entscheidend. Und ich glaube, gerade in dieser Hinsicht ist die Mannschaft gut vorbereitet.
Ihr Innenminister Wolfgang Schäuble hat uns in einem Interview gesagt, dss er davon ausgehe, daß Klinsmann länger im Amt bleibe, als die Große Koalition Bestand haben werde. Wie sehen Sie es?
Ich kümmere mich erst mal um meine Aufgabe, daß die Mannschaft der Großen Koalition die notwendigen Resultate bringt. Und ansonsten wünsche ich Jürgen Klinsmann als Bundestrainer eine erfolgreiche Karriere.
Ihr Vorgänger Helmut Kohl hat seinerzeit Bundestrainer Berti Vogts angerufen und aufgebaut, wenn der richtig down war, als er bei der WM 1994 und 98 ausgeschieden ist. Er hat ihm Mut gemacht und zum Weitermachen überredet. Würden Sie unter Umständen Ähnliches auch mit Jürgen Klinsmann tun?
Dazu gab es bislang zum Glück keinen Anlaß. Und ich hoffe, daß es noch lange so weitergeht.
Welches war Ihr bislang schönster Moment bei der WM?
Schwer zu sagen. Ein schöner Moment war als im Eröffnungsspiel gleich das frühe Tor durch Philipp Lahm fiel. Das hat uns gut in die Weltmeisterschaft hineingebracht.
Und wie erging es Ihnen beim Siegtor gegen Polen?
Nach dem 1:0 gegen Polen wußte man gar nicht genau, ob noch zwei Minuten zu spielen sind oder nur noch eine halbe. In solchen Momenten zittere ich dann immer mit, daß aus der Freude über das endlich gelungene Tor keiner vergißt, hinten zu verteidigen. Man hat ja im Fußball schon so viele Konter gesehen.
Wie kann Deutschland von dieser WM nachhaltig profitieren?
Alle Umfragen unter unseren Gästen zeigen, daß wir gute Gastgeber sind. Beim Treffen des EU-Rats habe ich von ganz vielen gehört, daß sie es toll finden, daß Deutsche so fröhlich sein können. Wenn es weiter so gut läuft, wird unser Land großen Nutzen von dieser WM haben. Es war eine großartige Idee, die WM nach Deutschland zu holen. Übrigens: Franz Beckenbauer hat da ja ein großes Verdienst.
Ist er reif für ein politisches Amt?
Ich habe von ihm noch nicht gehört, daß er daran Interesse hätte.
Er war ja bei seiner Reise durch 31 Länder ein verkappter Außenminister, oder?
Darüber hat er schon mit Außenminister Steinmeier gescherzt. Das hat er wirklich toll gemacht. Er ist auch jetzt ein unglaublich guter Gastgeber, wenn er mit großer Disziplin an vielen Spielen teilnimmt und dafür 17, 18 Stunden am Tag unterwegs ist.
Was Ihnen im Gespräch mit ihm imponiert?
Herr Beckenbauer strahlt Ruhe aus. Das gefällt mir.
Als Sie bei der Mannschaft waren, hat Herr Schweinsteiger uns gesagt, Sie hätten mit ihm über die Einrichtung im Schloßhotel Grunewald gesprochen. Stimmt das?
Ja. Ich bin ja schon öfter in dem Hotel gewesen. Ich habe ihn gefragt, ob sie sich in dieser Umgebung wohl fühlen. Und wir haben uns darüber unterhalten, dass es für die Mannschaft jetzt einen Billardtisch, eine Dartscheibe und moderne Fernseher gibt.
Wer Wird Weltmeister?
Schaun mer mal, wie Franz Beckenbauer immer sagt.