Dr. Thomas BachFoto: picture-alliance / dpa / RumpenhorstDr. Thomas Bach

Golz fragt ... Thomas Bach

Mittwoch, 21. Juni 2006

Thomas Bach ist seit kurzem Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Als aktiver Wettkämpfer zog er zwar das direkte Duell mit der Klinge dem Spiel auf dem Rasen vor. Doch als ehemaliger Weltmeister weiß er: Bei einem Turnier ist alles möglich.

Herr Dr. Bach, als Athlet und Olympiasieger kennen Sie die zähe Zeit der Vorbereitung. Was passiert in einem Sportler, wie zuletzt bei unseren Fußball-Nationalspielern, wenn es dann endlich losgeht?
 
Das ist wie eine Befreiung, eine große Erleichterung, wenn man endlich auflaufen kann und sich alles nur noch auf den Sport konzentriert. Wenn das oft lästige Drumherum von einem abfällt.
 
Die deutsche Elf ist mit drei Siegen und teilweise begeisterndem Spiel prächtig in das Turnier gestartet. Glauben Sie, wie viele andere auch: Jetzt ist alles möglich?
 
Ich habe von vornherein gedacht, dass alles möglich ist. Und das Eröffnungsspiel war so ermutigend, was das Spiel nach vorn betrifft. Diese unbeschwerte Einstellung war nicht zu erwarten, wenn man andere Eröffnungsspiele kannte. Es kam dann darauf an, dass sich die Hintermannschaft findet. Was im Spiel gegen Polen ja deutlich wurde. Denn nicht in jedem Spiel können drei Tore erwartet werden.
 
Als Präsident Deutschen Olympischen Sportbundes sind Sie durchaus auch für die Fußballer zuständig. Was sind denn die Kindheitserlebnisse des Fechters mit dem Fußball?
 
Ich wollte immer Fußballer werden. Das war mein großer Traum. Doch in Tauberbischofsheim, wo ich aufgewachsen bin, war die entsprechende Schüler- und Jugendbetreuung nicht gegeben. Aber ich habe Tag und Nacht Fußball gespielt. Auf einem Grandplatz, mit zerschundenen Knien.
 
Auf welcher Position?
 
Eine der beiden berüchtigten Positionen. Mehr möchte ich nicht dazu sagen.
 
Und wie war es um Ihr Talent bestellt?
 
Ich war nicht der Supertechniker. Ich war mehr bekannt für Schnelligkeit und Torriecher.
 
Womit die Position auch geklärt ist. Und wo gab es später Berührungspunkte zum Fußball?
 
Ich habe in Schulmannschaften und bei den Alten Herren gekickt. Und bei meiner Tätigkeit bei Adidas von 1985 bis 1987 war ich eng mit dem Fußball verknüpft: Nationalelf, Bundesliga und vor allem FC Bayern München, der schon damals im Promotions-Konzept eine wichtige Rolle gespielt hat. Bei der WM 1986 in Mexiko war ich federführend für Adidas tätig.
 
Sie sind Wirtschaftsanwalt und beobachten eine WM nicht nur aus sportlicher Perspektive. Wie hoch schätzen Sie den Wert dieses Fußball-Festes für Deutschland ein?
 
Ich glaube, Wirtschaft ist zu einem großen Teil auch Psychologie. Dieser Stimmungsschub, den es geben wird, ist nicht hoch genug einzuschätzen. In Bezug auf harte Zahlen: Auch da ein positiver Einfluss. Es wurden große Investitionen in Stadien und Infrastruktur getätigt, die Arbeitsplätze gesichert und geschaffen haben. Die Besucher werden viel Geld in den Städten ausgeben, das Transportwesen, die Hotellerie und die Gastronomie profitieren. Schließlich werden solche Großveranstaltungen für Besucher aus dem wirtschaftlichen Bereich ein Anreiz sein, hier Veranstaltungen ihrer Firmen abzuhalten oder über Niederlassungen nachzudenken. Diese wirtschaftlichen Folgeentscheidungen lassen sich nicht messen, sind aber nicht zu unterschätzen.
 
Deutschland präsentiert sich im Rahmen der WM und darüber hinaus als „Land der Ideen“. Wie wichtig ist für die Kampagne das sportliche Abschneiden der deutschen Nationalelf?
 
Ich weiß nicht, ob das für die Kampagne entscheidend ist, denn sie bezieht sich ja auf Vieles außerhalb des Fußballs. Doch mit der Kampagne hat es einen Anstoß gegeben, der uns in Erinnerung gebracht hat, welches Potenzial wirtschaftlich und kulturell und an Phantasie in uns steckt. Deshalb ist die Kampagne nicht unbedingt vom Ergebnis unserer Mannschaft abhängig.
 
Vielleicht noch mehr von dem Bild, wie sich die Menschen hier vor der ganzen Welt zeigen?
 
Unbedingt. Nach der Erfahrung der ersten Woche kann man sagen: Der erste Weltmeister ist das Publikum. Diese tolle Stimmung in den Städten und Stadien. Und die Stadien sind auch alle gefüllt. Bei den Feiern in den Städten sieht man, dass die Deutschen auf ihre Gäste wirklich zugehen. Dass Motto „Zu Gast bei Freunden“ wird wirklich in die Tat umgesetzt. Dieses Bild wird im Ausland nachwirken.
 
Bei Ihrer Amtseinführung als erster Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes war sehr viel politische Prominenz vertreten, auch Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel. Ist das ein Zeichen des Schulterschlusses zwischen Sport und Politik, der Ihnen die schwere Arbeit leichter macht?
 
Natürlich. Eines der Motive des Zusammenschlusses Olympia-Komitee und Sportbund war ja die Stärkung der Partnerschaft zur Politik. Und das hat die Präsenz höchster Repräsentanten in der Paulskirche gezeigt. Wie positiv das in der Politik aufgenommen wurde, zeigt sich auch in der Offenheit zur WM. Deshalb kann ich mich auch so sehr über die Erfolge freuen.
 
Wieder direkt zum Fußball: Ist der alte Weltmeister für Sie auch der neue – Brasilien?
 
Die Brasilianer sind der große Favorit. Wer aber sieht, wie die Argentinier in den letzten zwei Jahren gespielt und wie sie sich hier präsentiert haben, der merkt, dass es für Brasilien kein leichter Durchmarsch wird. Mein Geheimfavorit war England. Doch herrscht Ungewissheit, wie sich die Verletzungen von Owen und Rooney auswirken. Und vergessen wir unsere Mannschaft nicht.
 
Haben Sie sich Ihr Final-Ticket schon vorgemerkt?
 
Natürlich. Aber als Fußball-Fan möchte ich auch sonst so viele Spiele wie möglich sehen. Leider muss ich gerade für ein eine Woche ins Ausland. Doch auf 15 bis 16 Partien werde ich es schon bringen.
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Dr. Thomas Bach, 52, war als Fechter Olympiasieger und Weltmeister, er ist auch ausgebildeter Fechtmeister und gehörte der Athleten-Kommission des IOC an, dessen Sprecher er wurde. Von 2000 bis 2004 war und wieder seit 2006 ist er Vize-Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Bach ist promovierter Jurist mit Einser-Examen, er arbeitete als Direktor für Internationale Beziehungen für Adidas und ist heute u. a. Vorstandsvorsitzender der Michael Weinig AG.
Sport-Journalist Wolfgang Golz im Portrait.

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